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Rhenanus

Johannes Rhenanus

Pfarrer und Salzgraf zu Sooden, um 1528 bis 1589 — eine Zeitleiste seines Lebens, einschließlich der Reisen

Ein Pfarrer mit einem Probiergerät

Johannes Rhenanus, geboren um 1528 in Melsungen als Johann Rheinlandt, gestorben am 29. April 1589 in Sooden an der Werra, war Pfarrer und Salzgraf zugleich — Prediger an der Marienkirche und Leiter des landgräflichen Salzwerks. Er schrieb das „New Saltzbuch“, die sogenannte Salzbibel, führte in Sooden die Kohle als Brennstoff ein, hinterließ die früheste bekannte Beschreibung eines Gradierwerks und reiste 1568 durch die mitteldeutschen Salzreviere und 1584 nach Pommern, um Sole zu wiegen.

Diese Zeitleiste folgt seinem Leben Jahr für Jahr. Sie unterscheidet, was die Handschrift selbst belegt, was aus der Literatur stammt und wo die Angaben auseinandergehen. Die Reisen sind hier als Stationen des Lebens verzeichnet; im Zusammenhang erzählt sie die Seite Die Reiseberichte, und auf der Karte stehen alle Orte.

Das Werratal bei Bad Sooden-Allendorf, von einer Höhe aus gesehen
Das Werratal. Sooden liegt am westlichen, Allendorf am östlichen Ufer; der Hohe Meißner mit der Kohle im Westen. Foto: Jan Stubenitzky (Dehio) · Wikimedia Commons · CC BY-SA 3.0

Zeitleiste

Um 1528 — Geburt in Melsungen

Johann Rheinlandt kommt in Melsungen an der Fulda zur Welt. Das Jahr ist aus späteren Angaben errechnet, nicht belegt; die Eltern sind unbekannt. So steht es bei Cramer (1879) und in der Neuen Deutschen Biographie, und niemand hat es seither genauer sagen können.

Die Salzbibel schweigt über Herkunft und Kindheit. Rhenanus spricht vom Fürstentum Hessen, „meines geliebten Vaterlandes“, und von Sooden als dem „Ort und Winkel des Fürstentums“, an den er bestellt worden sei — mehr Biographisches gibt die Widmung nicht her.

Der Name Rhenanus ist die Gelehrtenform von Rheinlandt. Er selbst spielt im ersten Buch darauf an: Nachdem er Beatus Rhenanus, den elsässischen Humanisten, für dessen Chatten-Etymologie gelobt hat, schreibt er, „Umso mehr will es mir als dem anderen Rhenanus geziemen“, sich seiner eigenen Entdeckung zu freuen. Mit Beatus Rhenanus (1485–1547) ist er nicht verwandt.

Ein dritter Träger des Namens sorgt bis heute für Verwechslung: Sein Enkel Johannes Rhenanus, Arzt und Alchemist am Hof des Landgrafen Moritz, hat alchemistische Schriften veröffentlicht, die in Lexika oft dem Großvater zugeschrieben werden (so die NDB zur Genealogie).

1548–1554 — Studium in Marburg, Ordination, erste Ämter

1548 lässt sich Rhenanus als Theologiestudent in Marburg einschreiben. 1553 wird er durch Adam Krafft, den Reformator Hessens, ordiniert; nach der Literatur ist er 1553 und 1554 Zweitpfarrer in seiner Heimatstadt Melsungen, nach der NDB kurz darauf Diakon in Marburg, wo er nebenbei als Buchdrucker gearbeitet haben soll.

Das Studium hinterlässt Spuren im Werk: Rhenanus zitiert Tacitus im Original, streitet mit den Kosmographen um den Melibocus, kennt Agricola, Mathesius und Thurneisser. Auf dem Titelblatt nennt er sich „M. (Magister) Johannes Rhenanus“.

Die Salzbibel selbst erwähnt Marburg nur als Universität: „bei dem seligen Magister Petrus Nigidius, der aus Allendorf gebürtig und zu Marburg Professor gewesen ist“, will er in einer Namensfrage bleiben.

1555 — Pfarrer in Sooden

Kupferstich der Stadt Allendorf mit Werra und Stadtmauer, aus Merians Topographia
Allendorf an der Werra im 17. Jahrhundert, nach Merians Topographia Hassiae. Matthäus Merian (1593–1650), 1655 · Digitalisat: Universität zu Köln · Wikimedia Commons · Public Domain Mark 1.0

Landgraf Philipp der Großmütige beruft den etwa 27-Jährigen zum Pfarrer der Salinensiedlung Sooden gegenüber der Stadt Allendorf an der Werra. Nach Klepsch wurde er zu Pfingsten 1555 als Pfarrer eingeführt. Die Handschrift bestätigt die Berufung durch Philipp, nicht das Datum: In der Widmung an Wilhelm IV. schreibt Rhenanus, er sei durch „Eurer Fürstlichen Gnaden Herrn Vater hochlöblichen Angedenkens an diesen Ort und Winkel des Fürstentums Hessen, meines geliebten Vaterlandes, zum Prediger und Salzgrafen bestellt worden“.

Das Salzwerk, das er vorfindet, ist seit 1540 an den Landgrafen verpachtet; 1554 wurde die Verpachtung um dreißig Jahre verlängert. Nach dem Glossar des Holzvogts, um 1580, gehören von 87 Siedehäusern 43 dem Landgrafen und 44 den Pfännern; wie es 1555 stand, sagt die Handschrift nicht. Ein Landesherr, der die Hälfte des Werks selbst betreibt, braucht Leute, die Rechnungen lesen können.

Die Kirche, an der er predigte, war die Marienkirche in Sooden; ein Pfarrer dort ist seit 1295 bezeugt. Rhenanus’ Vorgänger und die Umstände der Berufung sind in der Salzbibel nicht beschrieben.

1556 bis 1563 — Salzgraf: ein Amt, viele Jahreszahlen

Wann Rhenanus Salzgraf wurde, sagt keine Quelle mit einem Datum, und die Literatur nennt vier Jahre. Die NDB: 1556 Aufsicht über die Holzbeschaffung, 1559 Überwachung der Salzordnung, 1561 Mitregent des Salzwerks, 1563 alleiniger Salzgraf. Wikipedia: 1559 Salzgraf, 1561 Mitaufsicht. Klepsch: 1559 Aufsicht über die Holzwirtschaft, 1561 Mitaufsicht über das Salzwerk. Emons/Walter (1986): 1561. Die Zahlen widersprechen sich nicht unbedingt — sie meinen wohl verschiedene Stufen desselben Aufstiegs —, aber sie lassen sich von hier aus nicht in eine Reihe bringen.

Die Handschrift liefert Anhaltspunkte, kein Datum. Das Archivverzeichnis nennt ein undatiertes Schreiben Landgraf Philipps an Rhenanus, „dass er ihn künftig des Predigtamtes entlasten und ihn an Jost Beckers Stelle als Salzgrafen gebrauchen und bestellen lassen wolle, neben einem anderen, der als Salzgraf dienen soll“. Und es nennt einen Brief Jost Beckers vom 24. Juni 1559, „dass man Rhenanus als einem jungen Mann, der allein in Büchern gelesen, sonst aber nicht viel erfahren habe, in allem nicht verpflichten solle“ — der alte Salzgraf wehrt sich gegen den Nachfolger.

Am 19. Februar 1561 schreibt der Landgraf „an Rhenanus und Jost Becker“ wegen eines Flößers — beide werden zusammen angesprochen. 1567 richtet Wilhelm sein Schreiben an „unseren Pfarrherrn, Salzgrafen, Rentmeister, Schultheißen“ in Sooden, und 1568 nennt Rhenanus sich „derzeit ältesten Diener und Salzgrafen im Salzwerk“. Sein eigenes Werk zeigt zugleich, dass er nie der einzige war: Christoph Homberg ist 1567 Mitsalzgraf, und die Ämterliste des ersten Appendix beginnt mit drei Salzgrafen.

Die Literatur weiß mehr über den Widerstand: Die Pfänner sahen in der Aufsicht über ihre Holzwirtschaft einen Angriff auf alte Rechte, und Rhenanus soll auf eigene Rechnung einen Probier-Kot betrieben haben, der 140 Pfannen Salz im Jahr gegen 90 bis 95 in der hergebrachten Arbeitsweise brachte (Klepsch). Die Salzbibel kennt solche Probewerke, ohne diese Zahlen zu nennen.

1559 — Bei den Vettern in Schlüchtern

Im Jahr 1559 besucht Rhenanus die beiden Petrus Lotichius in Schlüchtern — den Abt und den Dichter —, die er „meiner beiden seligen Vettern“ nennt. Sie zeigen ihm die Grenzen des alten Chattenlandes und deuten das Haus Steckelberg an der Kinzig als dessen Erbgrenze; er verwendet das im ersten Buch als Zeugnis.

Es ist die einzige Reise vor 1568, die die Salzbibel ausdrücklich erwähnt. Was „Vetter“ genau heißt, bleibt offen; das Wort konnte jede Seitenverwandtschaft meinen.

Im selben Jahr, am 14. September 1559, hinterlässt der Landgraf in Sooden „Zehn Abschiedsartikel“, und vom 27. April 1559 datieren „Aufzeichnungen“ im Archiv des Salzgrafen — die Verwaltung beginnt, in seine Hände zu wandern.

1562 — Kanzel oder Salzwerk? Das Verfahren

Nach der Literatur (Wagner 1865, Klepsch, Maurer) steht Rhenanus 1562 vor dem Superintendenten und der Pfarrerschaft; der Vorwurf lautet auf Neigung zum Trunk, und man legt ihm nahe, eines seiner beiden Ämter niederzulegen. Der Landgraf deckt ihn und bietet ihm 1563 an, das Pfarramt abzugeben; Rhenanus lehnt ab, nimmt sich einen Kaplan und bleibt beides bis zum Tod. Die NDB spricht von Aufforderungen in den Jahren 1562 und 1568, eines seiner Ämter aufzugeben.

Die Salzbibel erwähnt das Verfahren nicht; das undatierte Schreiben Philipps, das ihn „des Predigtamtes entlasten“ will, könnte in diesen Zusammenhang gehören — das ist eine Vermutung. In der Widmung verteidigt Rhenanus sein Doppelamt gegen den Einwand, seine Arbeit sei „mehr politisch als theologisch und darum nicht meines Berufs und Amtes“.

Die Literatur zitiert außerdem einen Brief Wilhelms IV. an Christoph Homberg, der beiden Verfassern der Salzbibel das Trinken vorhält und im selben Atemzug einräumt, dass ohne sie niemand mehr wisse, wie das Salzwerk entstanden sei. Der Brief steht nicht in der Handschrift; der Wortlaut lässt sich hier nicht prüfen.

Ab 1563 — Versuche mit der Kohle vom Meißner

Nach der Literatur beginnt Rhenanus 1563, mit Braunkohle vom Hohen Meißner zu sieden — nicht aus Neugier, sondern weil das Holz knapp wird. Entdeckt hat er die Kohle nicht: Die örtliche Überlieferung nennt 1555 für die Entdeckung, Waitz von Eschen sagt nur „wenige Jahre nach dem Amtsantritt Rhenanus’“. Seine Leistung ist die Feuerung: ein eiserner Rost, unter den der Wind kommt, damit die Kohle brennt.

Die Salzbibel nennt die Meißner Kohle stets „Steinkohlen“ und beschreibt die Technik im ersten Appendix: In den Steinkohlen-Bothen braucht man zu einem Rost 23 lange Eisenstäbe und zwei „Windlöcher“, „dadurch kommt der Wind unter den Rost, um das Feuer zu entfachen“. Wann der erste dieser Roste stand, sagt sie nicht; die Anmerkung „Anno 84“ zählt zwanzig zum Steinkohlensieden hergerichtete Bothe und 3.524 Gulden Kosten „bisher“.

Ein Detail der NDB passt nicht zum Meißner: Sie schreibt, Rhenanus habe in den 1560er Jahren Steinkohle aus Lüttich verwendet. Die Handschrift sagt dazu nichts; es bleibt ein Widerspruch der Literatur.

1566 (oder 1556) — Heirat mit Catharina Braun

Rhenanus heiratet Catharina Braun, Tochter des Melsunger Rentschreibers Jost Braun. Das Jahr schwankt: Wikipedia und der Geschichtsverein Melsungen (nach Klepsch) nennen 1566, die NDB 1556. Aus der Ehe gehen fünf Kinder hervor, darunter Martin, später Arzt in Eschwege, und Beatus, Stadtarzt in Salzungen. Catharina stirbt 1586.

Die Salzbibel erwähnt die Familie nicht. Über den Enkel Johannes, den Leibarzt und Alchemisten, siehe oben unter dem Geburtsjahr.

1567 — Der Auftrag zum Erbbuch

Handschriftenseite mit dem fürstlichen Schreiben, das die Abfassung der Salzbibel anordnete
Das fürstliche Schreiben zur Abfassung des Werks, wie es die Reinschrift wiedergibt. Johannes Rhenanus, New Saltzbuch · Universitätsbibliothek Kassel — Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel, 2° Ms. Hass. 186, Bd. 3, S. 25 · Digitalisat · Public Domain Mark 1.0

Am 24. Februar 1567 schreibt der junge Landgraf Wilhelm — sein Vater Philipp lebt noch, er stirbt am 31. März — von Kassel aus an den Salzgrafen Christoph Homberg: Die „Vornehmsten aber, die den Ursprung und alle Umstände des ganzen Salzhandels kannten“, seien „nunmehr fast alle gestorben sind — sodass ihrer kaum noch zwei vorhanden sind, unter denen du einer bist“. Deshalb solle „ein ordentliches Erbbuch“ entstehen; der Pfarrer in Sooden, „Magister Johannes Rhenanus“, habe es „hier in einzelne Kapitel und Artikel gefasst“, und Homberg solle ihm „das Buch aufs Beste mit erstellen helfen“.

Das ist die Geburtsurkunde der Salzbibel. Im selben Jahr übergibt Rhenanus dem Landgrafen eine Ordnung, „die ich, Johannes Rhenanus, aus allen Ordnungen zusammengezogen und meinem gnädigen Fürsten und Herrn im Jahr 67 zu Beginn der Regierung Seiner Fürstlichen Gnaden übergeben habe“.

Am 16. Juli 1567 folgt aus Melsungen eine Mahnung an „unseren Pfarrherrn, Salzgrafen, Rentmeister, Schultheißen und andere unsere Befehlshaber in Sooden“: Sechzig Werk Salz seien aus Mangel an Sole ausgefallen; man solle dafür sorgen, „dass 8.000 Werk gesotten werden können — denn wir bedürfen jetzt vielen Geldes“. Und: Was dem Salzwerk diene, sollten sie „jederzeit selbst ins Werk“ setzen, ohne erst die Entscheidung des Fürsten abzuwarten.

1568 — Die Reise durch die mitteldeutschen Salzwerke

Handschriftenseite: Beginn des vierten Appendix, des Reisebuchs
Der Anfang des Reisebuchs in der Reinschrift (Bd. 2, S. 727). Johannes Rhenanus, New Saltzbuch · Universitätsbibliothek Kassel — Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel, 2° Ms. Hass. 186, Bd. 2, S. 727 · Digitalisat · Public Domain Mark 1.0

Am 28. Juni 1568 unterzeichnet Wilhelm in Kassel die Instruktion: Rhenanus soll die Salzwerke „zu Auleben, Frankenhausen, Halle in Sachsen, Artern, Aschersleben, Staßfurt, Groß Salza, Lüneburg, Salzdetfurth, Salz zur Hölle und Bodenfelde“ besichtigen, die Briefe „bei sich im Busen tragen“, „ein kleines Probiergerät bei sich haben, an jedem Ort die Sole proben und dies in sein Büchlein aufzeichnen“. Ein Nachtrag schickt ihn wegen des Torfs nach Bremen.

Der Bericht führt über Sondershausen, Frankenhausen, Auleben, Artern, Sulza, Weißenfels, Kösen, Halle, Aschersleben und Staßfurt nach Groß Salza — und bricht dort ab. Lüneburg, Salzdetfurth, „Salz zur Helle“ und Bodenfelde erreicht das Reisebuch nicht. Mitte Juli ist Rhenanus in Halle: Man bietet ihm an, bis zum Tag Maria Magdalena zu bleiben, der 1568 auf einen Donnerstag fiel.

Was er mitbringt, sind Zahlen: 16 Lot in Frankenhausen, 24 Lot im Deutschen Born zu Halle, 16 und 14 in Staßfurt, knapp 8 in Artern, 3 Lot 3 Quentchen in Auleben — und die Beobachtung, dass man anderswo „niemals achtgegeben, viel weniger geprobt“ hat. In Sulza sieht er über den Zaun das Leckwerk, die älteste bekannte Beschreibung eines Gradierwerks. Alles Weitere auf der Seite Die Reiseberichte.

Nach der Vorbemerkung des dritten Bands hat Rhenanus die Salzbibel „bereits im Jahr 1568 begonnen“. Und aus 1568 datiert auch ein Schreiben der Glaser, die begehren, „dass ihnen der Aschenkauf freigelassen würde“ — der Streit um das Holz erreicht die Nachbargewerbe.

1569 — Im Dienst des Kurfürsten von Sachsen

Am 18. November 1569 trifft in Artern eine Kommission zusammen, die Kurfürst August von Sachsen berufen hat: Michel von Ebeleben, Hauptmann zu Sangerhausen, Christoff Schönleben, Oberhüttenmeister in Freiberg, Matthias Flicke, Bergvogt — und „Johann Rhenanus, hessischer Salzgraf“. Sie verhören den Nürnberger Doktor Landeler und raten dem Kurfürsten am 25. November, sich „nicht weiter mit ihm, dem Doktor, in dieser Sache einlassen“, bis er ihre Fragen beantworte.

Am 23. November unterzeichnen dieselben vier ein Gutachten über Auleben: Dort könne „ohne Nutzen gesotten werden, bis man eine fünf- oder sechslötige Sole findet“; das Salzwerk könne „ohne Nutzen nicht erbaut werden“. Der hessische Salzgraf arbeitet also ein Jahr nach seiner Reise als Gutachter für einen fremden Fürsten — mit Erlaubnis seines Herrn, wie zu vermuten ist; die Salzbibel sagt es nicht.

Im März 1569 schreibt der Bremer Bürgermeister „des Salzes und Poyß halber“ nach Sooden; der Torfhandel, den die Instruktion angestoßen hatte, läuft — über Rhenanus’ Diener Wolff Deuchell, der eine eigene Instruktion für Bremen erhält.

1571 bis 1579 — Das Kohlenbergwerk am Meißner

Am 7. Juni 1571 entscheidet Wilhelm IV., das Kohlenbergwerk am Meißner in Eigenregie zu betreiben; 1575 wird im Schwalbenthal ein Stollen angesetzt, im Frühjahr 1578 beginnt die regelmäßige Förderung, und am 11. April 1579 fährt der Landgraf selbst ein (alles nach Waitz von Eschen und Klepsch). Das bergmännische Können kommt nach dieser Literatur aus Kursachsen; das Bergwerk bleibt bis 1814 der Saline unterstellt.

Die Salzbibel zeigt Rhenanus mitten darin. 1572 berichtet er dem Landgrafen, „dass er aus Steinkohlen Asphalt gezogen habe“. Am 11. Mai 1576 befiehlt Wilhelm dem Berghauptmann Hermann Schütz, Rhenanus, Georg Gerke und anderen, „das Schmelzen mit den Steinkohlen zu versuchen“; ein „Bericht, wie es mit obgedachtem Schmelzen vorangegangen ist“, liegt bei. Im selben Jahr schreibt Rhenanus an Bürgermeister und Rat zu Bremen, „dass sie Steinkohlen genügend bekommen könnten“.

1577 bittet ihn Georg Gercke „wegen des Steinkohlenbergwerks, sich zu ihm nach Germerode zu verfügen“; 1578 werden in Melsungen Dielen „fürs Bergwerk“ geschnitten; ein Georg Berk will „in der Eile 72 Maß Kohlen in die Soden verschaffen“. Was die Literatur als Energiewende beschreibt, sieht in den Akten wie Alltag aus: Holz, Kohlen, Dielen, Berichte.

1574 — „fertiggestellt“? Die Daten der Salzbibel

Titelblatt der Handschrift, in Rot und Schwarz geschrieben
Das Titelblatt der Reinschrift: „New Saltzbuch“ — ohne Jahreszahl. Johannes Rhenanus, New Saltzbuch · Universitätsbibliothek Kassel — Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel, 2° Ms. Hass. 186, Bd. 1, S. 7 · Digitalisat · Public Domain Mark 1.0

Die Vorbemerkung des dritten Bands sagt: Rhenanus habe „dieses Salzbuch — die Salzbibel — bereits im Jahr 1568 begonnen und 1574 fertiggestellt; abgeschrieben und in zwei Bänden vollendet wurde es aber erst in den folgenden Jahren“. Die Literatur nennt dagegen 1567 bis 1585 als Entstehungszeit und 1586 für die Reinschrift; auf dem Titelblatt steht kein Jahr.

Beides kann stimmen: 1574 ein erster Abschluss, danach Ergänzungen bis in die 1580er Jahre — der Anhang über Pommern (1584) und die Anmerkung „Anno 84“ im ersten Appendix beweisen, dass nach 1574 weitergeschrieben wurde. Was „fertiggestellt“ 1574 genau meinte, lässt sich nicht sagen.

Gedruckt wurde das Werk nie. Die Reinschrift liegt in der Universitätsbibliothek Kassel (2° Ms. Hass. 186). Rhenanus’ Urschrift von eigener Hand liegt nach der Literatur (Emons/Walter 1986, danach Wikipedia) in Clausthal-Zellerfeld, in der Bibliothek des ehemaligen Oberbergamts; andere halten die Frage für ungeklärt. Niemand aus diesem Projekt hat sie gesehen, und verglichen wurde sie mit der Kasseler Reinschrift nie. Im Salzmuseum Bad Sooden-Allendorf liegen zwei Bände in der Vitrine. Ihr Verhältnis zur Kasseler Reinschrift ist nicht geklärt — Original, zeitgenössische Abschrift oder spätere Kopie; entscheiden ließe sich das nur vor Ort.

1576 bis 1580 — Ein Salzgraf im Geschäft

Das Archivverzeichnis zeigt, womit Rhenanus in diesen Jahren zu tun hatte. Für 1576 verzeichnet er „Aufzeichnungen allerlei Sachen“, die er „wegen des Steinkohlen-Bothes, des Salzabsatzes, der Glaser, der Salpeter- und Alaunsieder, auch wegen des Salztauschs zu verrichten gehabt hat, in vierzehn Punkten“. Georg von Scholley bittet ihn im Februar 1576, für Graf Johann von Nassau Salz zu bestellen.

1577 schreibt Rhenanus dem Landgrafen „von Torgau wegen allerlei Sachen, die Seine Fürstlichen Gnaden ihm im Land zu Meißen auszurichten befohlen haben“ — er ist in Kursachsen unterwegs, in wessen Sache, sagt das Verzeichnis nicht. Am 16. März 1577 probiert Georg Gercke in Kassel „im Weißenhof“ das Salz und schickt ihm „aller Sieder Zeichen, auf Papier gerissen und in Blei geschlagen“.

1578 geht es um Asche, „daraus Glas zu machen“; 1580 schreibt Rhenanus „an den Fürsten von Henneberg wegen eines Glasers“. Glashütten waren Konkurrenten um das Holz und Abnehmer der Asche — der Salzgraf verwaltet einen ganzen Brennstoffkreislauf.

1583 — Pommern bittet um den Salzgrafen

Herzog Ernst Ludwig von Pommern-Wolgast hat in seinem Land nach Sole und Eisen suchen lassen, ohne Erfolg. Georg von Verbentin, Oberaufseher der Grafschaft Mansfeld, weist ihn auf Hessen hin. Der Herzog schreibt, so die Salzbibel, „an den Herrn Landgrafen zu Hessen wie auch an Seiner Fürstlichen Gnaden Gemahlin und Schwiegervater etliche Male“ — gemeint sind die Herzogin Sophie Hedwig und ihr Vater, Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel.

Die Literatur (Cramer 1879, danach Klepsch) datiert: Am 12. Juni 1583 schreibt Julius an Wilhelm IV., am 13. Juni die Herzogin; Wilhelm lehnt am 17. Juni ab — Rhenanus sei alt und krank, er war 55 —, gibt nach weiteren Bitten nach und verlangt, dass er in vier Wochen zurück sei. Diese Briefe stehen nicht in der Salzbibel.

1584 — Die Reise nach Pommern

Am 10. März 1584 bricht Rhenanus in Allendorf auf, spricht in Leimbach bei Mansfeld mit Georg von Verbentin, schöpft unterwegs in Treptow und Klempenow Sole und kommt am 31. März „gesund und frisch“ in Wolgast an. Am 2. und 3. April probt er vor dem Herzog: Die mitgebrachte Sooder Sole hält 6½ Lot, die pommerschen „nichts“.

Fünf Reisen folgen: nach Greifswald (4.–10. April), durch die Ämter Ueckermünde, Jasenitz und Torgelow zu den Salzgruben bei Koblentz (12.–18. April), nach Rügen und Hiddensee (bis 2. Mai), nach Usedom (4./5. Mai) und durch Stolpe, Klempenow, Treptow, Loitz, Grimmen und Tribsees (8.–17. Mai). Die beste pommersche Sole ist einlötig; Rhenanus rät, in Koblentz nicht „noch ein einziger Pfennig“ zu verbauen, und in Greifswald zu einem Versuch mit einer Pfanne. Als der Herzog eine Zusage will, antwortet er: „Ich bin nicht der Schöpfer, sondern ein Sünder des Schöpfers.“

Der Bericht endet mit dem 17. Mai. Wann er nach Hause kam, sagt weder die Handschrift noch die Literatur; aus den vier Wochen des Landgrafen wurden mehr als zwei Monate. Im selben Jahr zählt der erste Appendix „Anno 84“ zwanzig Bothe, die zum Steinkohlensieden hergerichtet sind. Nach Klepsch schlug im selben Jahr die Melsunger Bürgerschaft Rhenanus als unparteiischen Prüfer der Stadtrechnungen vor — ein Nebenzeugnis für seinen Ruf; die Salzbibel weiß davon nichts. Die Reise im Einzelnen: Die Reiseberichte.

1585 bis 1587 — Gehaltssperre, Bestätigung, Witwer

Nach Wagner (1865) und Klepsch sperrt der Landgraf 1585 und 1586 zweimal das Gehalt, weil das Buch nicht fertig wird; eine Kaution von 200 Gulden kann Rhenanus nicht stellen. In der Handschrift ist davon nichts zu lesen — sie ist das Ergebnis, nicht das Protokoll dieser Auseinandersetzung.

Am 3. Mai 1586 stellt Wilhelm die Bestätigungsurkunde aus, mit der die Verpachtung des Salzwerks über das Jahr 1585 hinaus verlängert wird; sie eröffnet das fünfte Buch. Darin räumt der Landgraf ein, „dass es auch mit dem Steinkohlenbergwerk am Meißner die Bewandtnis habe, dass darauf nichts Gewisses zu bauen sei“, und behält sich die Kündigung vor, falls Holz oder Kohle ausgehen. Nach der Literatur ist 1586 auch das Jahr der Reinschrift.

1586 stirbt Catharina Braun. 1587 heiratet Rhenanus nach der NDB Catharina von Löwenstein (bei Klepsch: Catharina Schott, geborene von Löwenstein); aus dieser Ehe stammt ein Sohn.

29. April 1589 — Tod in Sooden

Rhenanus stirbt am 29. April 1589 in Sooden, nach Klepsch kurz nach ein Uhr, und wird am 1. Mai in der Kirche zu Sooden begraben. Das Datum steht in der NDB, bei Wikipedia und im Geschichtsverein Melsungen übereinstimmend; ältere Literatur nannte nur den Mai, wohl nach dem Begräbnistag.

Klepsch überliefert, er habe dem Landgrafen in seiner Krankheit ein leeres Fässchen geschickt mit der Bitte, es mit gutem Wein zu füllen, es werde wohl der letzte sein — und Wilhelm habe es nicht abgeschlagen. Hinterlassen habe er 993 Gulden Schulden, die der Landgraf beglich. Beides ist nicht nachprüfbar, aber plausibel überliefert.

Ein Grab ist nicht erhalten; ein zeitgenössisches Bildnis ist nicht bekannt. Was bleibt, sind zweitausend Seiten in Kassel.

Nach 1589 — Nachleben

Das Söder Tor in Bad Sooden-Allendorf, ein Fachwerktorbau
Das Söder Tor (1704/05), heute Salzmuseum — dort liegen zwei Bände der Salzbibel, deren Verhältnis zur Kasseler Reinschrift ungeklärt ist. Foto: Franzfoto, 2011 · Wikimedia Commons · CC BY-SA 3.0

Nach der Geschichtsseite der Stadt Bad Sooden-Allendorf wurde das erste von insgesamt vierzehn Gradierwerken 1601 gebaut, das erhaltene Gradierwerk Nr. 5 1638; der Verein für Heimatkunde nennt dieselben Jahre. Die gelegentlich genannte Zahl 1555 steht dort für die Bedeutung des Salzwerks um diese Zeit, nicht für ein Gradierwerk; eine Quelle, die 1555 als Beginn des Gradierens nennt, hat sich nicht finden lassen. Rhenanus hat 1568 das Leckwerk in Sulza beschrieben, nicht in Sooden eines gebaut. Die Beschreibung ist sein Anteil, nicht das Bauwerk.

1865 veröffentlicht G. Wagner die Geschichte der Stadt Allendorf und der Saline; 1879 schreibt Hermann Cramer die erste Lebensbeschreibung; 1989, zum 400. Todestag, gibt Hans-Henning Walter das Reisebuch heraus — der einzige bis heute edierte Teil der Salzbibel —, und im Kurpark wird eine Gedenktafel gesetzt. Schule, Platz, Klinik und Haus in Bad Sooden-Allendorf tragen seinen Namen.

Die Universitätsbibliothek Kassel hat die drei Bände der Reinschrift vollständig digitalisiert — rund 2.200 Aufnahmen — und im Repositorium ORKA frei veröffentlicht. Darauf beruht diese Website. Was fehlt, ist eine Edition der fünf Bücher, der beiden Probierbücher und der Kunstrisse.

Gedenktafel für Johannes Rhenanus im Kurpark von Bad Sooden-Allendorf
Die Gedenktafel im Kurpark, gesetzt zum 400. Todesjahr 1989. Foto: OTFW, Berlin · Wikimedia Commons · CC BY-SA 3.0

Was von der Technik blieb

Das Gradierwerk Nr. 5 in Bad Sooden-Allendorf stammt von 1638, ein halbes Jahrhundert nach Rhenanus’ Tod. Es steht hier nicht als sein Werk, sondern als das, was aus dem Verfahren wurde, das er 1568 in Sulza beschrieb — die früheste bekannte Beschreibung; damals Strohmatten über Trögen, später Schwarzdorn auf hohen Wänden.

Das Gradierwerk in Bad Sooden-Allendorf in ganzer Länge
Das Gradierwerk Nr. 5 in Bad Sooden-Allendorf (1638). Foto: Hannibal34, 2009 · Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0

Grundlagen dieser Zeitleiste

Aus der Salzbibel: die Widmung und das erste Buch (Bd. 1), die Ordnung von 1567 (Bd. 1, S. 872), der erste Appendix (Bd. 2, S. 473–622), das Reisebuch (Bd. 2, S. 727–884), das Archivverzeichnis in den Miszellen (Bd. 2, S. 885–1032) und die Briefe des dritten Bands (Bd. 3, S. 27–30). Jede Angabe verweist auf das Faksimile in ORKA.

Aus der Literatur: Hermann Cramer, M. Johannes Rhenanus, der Pfarrherr und Salzgräfe zu Allendorf a. d. Werra (1879); G. Wagner, Geschichte der Stadt Allendorf an der Werra und der Saline Sooden (1865); Hans-Henning Walter, Artikel Rhenanus, Johannes in der Neuen Deutschen Biographie 21 (2003) und Das deutsche Salinenwesen im 16. Jahrhundert (1989); Hugo Klepsch, Gedenkrede zum 400. Todestag (1989), wiedergegeben beim Geschichtsverein Melsungen; Friedrich Waitz von Eschen, Der nordhessische Braunkohlenbergbau 1578 bis 2003, in: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 110 (2005), S. 113–128; Emons/Walter, Die Siedesalzproduktion in Deutschland, in: Der Anschnitt 38 (1986), Heft 1.

Wo diese Quellen sich widersprechen — Salzgraf 1556/1559/1561/1563, Heirat 1556/1566, Fertigstellung 1574/1585, Urschrift Clausthal/ungeklärt —, steht der Widerspruch in der Zeitleiste, nicht eine Entscheidung.

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