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Salzbibel · Lesetext · 5. Buch

Das fünfte Buch · S. 441–450

Die Dankpredigt von 1550 · S. 441–450 · Bl. 219r–223v · Band 2

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Wortlaut der Handschrift Übersetzung — Ziffern am Rand sind die Segmentnummern (Sprungziel #s<Seite>-<Nummer>); hochgestellte Ziffern verweisen auf unsichere Lesungen am Fuß der Seite.

Die Dankpredigt von 1550

S. 440–460 · Bl. 218v–228v · Bd. 2 · Zeitleiste: 5. Buch

S. 441

Bl. 219rBd. 25. Buch · Die Dankpredigt von 1550Faksimile (ORKA)
1

Das fünffte Buch. lautenn also, Du lest Bronnenn quellenn in den Grundenn, das die wasser zwischenn den Bergenn dahin gehenn, das alle thiere vf dem felde trinckenn, vnnd die wildenn thiere Irenn durst leschenn, ann denselbigenn wohnenn die Vogell des himmels, vnd singenn vnnder dem zweÿgenn.

Das Fünfte Buch. sie lauten so: „Du lässest Brunnen quellen in den Gründen, dass die Wasser zwischen den Bergen dahingehen, dass alle Tiere auf dem Felde trinken und die wilden Tiere ihren Durst löschen; an denselben wohnen die Vögel des Himmels und singen unter den Zweigen.“

2

Als der Prophet in diesem Psal. erzehlet allerleÿ wolthat, so Gott dem mennschenn gebenn hatt, vnd dannckt im dafur, erzehlet er diese gutthat auch vnd spricht.

Als der Prophet in diesem Psalm allerlei Wohltat aufzählt, die Gott dem Menschen gegeben hat, und ihm dafür dankt, zählt er auch diese Guttat auf und spricht:

3

Du lessest Bronnenn quellenn in den grundenn, das die wasser zwischenn den Bergenn dahin gehenn, alß wolt er sagenn, das thustu auch vnns zu nutze vnnd gute, das du allennthalbenn, wo mennschen wonenn, lessest Bronnenn quellenn, in der gantz weittenn welt, hie vnnd da, vf das sie mit wasser allennthalbenn versehenn sein.

„Du lässest Brunnen quellen in den Gründen, dass die Wasser zwischen den Bergen dahingehen“ — als wollte er sagen: Das tust du auch uns zu Nutz und Gute, dass du allenthalben, wo Menschen wohnen, in der ganzen weiten Welt hier und da Brunnen quellen lässest, damit sie überall mit Wasser versehen sind.

4

Was aber das fur eine wolthat ist, merckt mann darbeÿ wohl, Wo ebann wasser manngelt, wie da alles verdorrenn, verwelckenn, verderbenn vnnd erster=

Was aber das für eine Wohltat ist, merkt man wohl daran, wie da, wo es an Wasser fehlt, alles verdorrt, verwelkt, verdirbt und erstir-

S. 442

Bl. 219vBd. 25. Buch · Die Dankpredigt von 1550Faksimile (ORKA)
1

Das fünffte Buch. benn muß, vnnd daselbst kein mennsch oder viehe liegenn, wonenn, oder bleibenn mugenn, Wo aber wasser ist, da grunet es, da wächßet es, Ist das Erdtreich fruchtbar, vnnd bringt alles zu vffendthalt dieses lebenns, Da siehet mann wie die mennschenn ann die grossenn wasserfluß gebawet, vnnd sich gesetzt habenn, in Stedtenn vnnd dorffenn, vnnd wo sie nicht am wasserflußenn sitzenn, dennoch ann die Bronnquellenn Ire wohnung vnnd heuser gesetzt habenn, da schepfft mann dann vnnd holett zu allerleÿ notturfft, zu waschenn, zu badenn, vnd allerleÿ zureÿnigung, zu mahlenn[?]1, zu backenn, zu brawenn, zu kochenn, Will geschweigenn, wie vielerleÿ art der fische das brauchenn kann, vnd wer kann nun das alles erzehlenn, so vnns Gott zu nutze thut, durch das Element des wassers, nicht allein vnns mennschenn, sonnder auch allem gethier, wie der Psalm weitter spricht, Das alle thiere vf dem felde trinckenn, Die werdenn auch begabet, mit Ires Schöpffers guete, vnnd mitt

Das Fünfte Buch. bt und dort kein Mensch und kein Vieh liegen, wohnen oder bleiben mag. Wo aber Wasser ist, da grünt es, da wächst es, da ist das Erdreich fruchtbar und bringt alles zum Unterhalt dieses Lebens hervor. Da sieht man, wie die Menschen an die großen Wasserflüsse gebaut und sich in Städten und Dörfern angesiedelt haben; und wo sie nicht an Wasserflüssen sitzen, haben sie dennoch an den Brunnenquellen ihre Wohnung und Häuser errichtet. Da schöpft und holt man dann für allerlei Notdurft: zum Waschen, zum Baden und zu allerlei Reinigung, zum Mahlen, zum Backen, zum Brauen, zum Kochen. Ich will schweigen davon, wie vielerlei Arten von Fischen das gebrauchen kann. Und wer kann nun das alles aufzählen, was uns Gott durch das Element des Wassers zunutze tut — nicht allein uns Menschen, sondern auch allem Getier, wie der Psalm weiter spricht: „dass alle Tiere auf dem Felde trinken“. Auch sie werden begabt mit der Güte ihres Schöpfers und mit

Unsichere Lesungen

  1. mahlenn[?] — oder machenn (Z. 13)

S. 443

Bl. 220rBd. 25. Buch · Die Dankpredigt von 1550Faksimile (ORKA)
1

Das fünffte Buch. trinckenn die volle begabet, Wo kömpt nun das alles, vnnd vmb wes willenn thut es Gott, alles vmb des mennschenn willenn, das er auch vonn den thierenn, vber das so das Erdtreich tregt zuessen, vnnd seinenn hunger zubussenn habe, auch das er sonnst der gethiere brauche, vnnd im dienenn lassen, Da bawet er seinenn acker mit, da fuhret er sein kornn ein, da fehret er vonn einem ortte zum anndernn, Ist also das viehe des mennschenn knecht, Darumb denn Gott das viehe geschaffenn, mit trinckenn vnnd essenn versehenn hat, wie der Prophet spricht, das alle thiere vff dem feldt trinckenn, Wiewohl nun Gott dem mennschenn anfennglich auch den tranck des wassers gebenn hatt, vnnd zu vffenndthalt dieses lebenns gnugsamb were, wie dann Adam vnnd anndere Patriarchenn in aller welt vonn souiel tausenndt mennschenn, von keinem anndernn tranck gewust, vnnd dessenn sich genugenn habenn lassenn, So hat

Das Fünfte Buch. Trinken reichlich versehen. Woher kommt nun das alles, und um wessen willen tut es Gott? Alles um des Menschen willen — damit er auch von den Tieren, über das hinaus, was das Erdreich trägt, zu essen und seinen Hunger zu stillen habe, und auch damit er die Tiere sonst gebrauche und ihm dienen lasse. Damit baut er seinen Acker, damit fährt er sein Korn ein, damit fährt er von einem Ort zum anderen; so ist das Vieh des Menschen Knecht. Darum hat Gott das Vieh geschaffen und mit Trinken und Essen versehen, wie der Prophet spricht: „dass alle Tiere auf dem Feld trinken“.

Wiewohl nun Gott dem Menschen anfänglich auch den Trank des Wassers gegeben hat und dieser zum Unterhalt dieses Lebens genug wäre — wie denn Adam und andere Patriarchen in aller Welt von so viel tausend Menschen von keinem anderen Trank gewusst und sich daran genügen lassen haben —, so hat

S. 444

Bl. 220vBd. 25. Buch · Die Dankpredigt von 1550Faksimile (ORKA)
1

Das fünffte Buch. vnns doch Gott vber den gemeinenn tranck des wassers, auch bessernn, Edtlernn, vnnd dem leibe gesundernn tranck des weines, beschert, vnnd gebenn, vnd darzu ann den orttenn, da kein weinwachs ist, aus dem wasser wohlgeschmacktenn getranck, des Bier brawenn, vnnd machenn lassenn, vnnd soltenn hierinne vernunfftige sein, denn die vnvernunfftige thiere die vber Irenn durst nit trinckenn, vnnd soltenn billich den almechtigenn in solchem erkennenn, vnnd darfur lobenn, dannckenn, vnnd nit so vermessiglichenn sauffenn vnd schwelgenn, Volgt Weitter Vnnd die wildenn thiere Irenn durst leschenn, auch sagt er, die thiere, der viele so gar weit, vnnd den mennschenn zu keinem gebrauchenn kommen, weder Jnn die kuchenn, noch zu keiner feldt oder hausarbeit, dennoch vonn Gott auch gespeiset vnnd getrencket wordenn, denn Gott lest

Das Fünfte Buch. uns Gott doch über den gemeinen Trank des Wassers hinaus auch einen besseren, edleren und dem Leib gesünderen Trank des Weines beschert und gegeben und dazu an den Orten, wo kein Weinwuchs ist, aus dem Wasser ein wohlschmeckendes Getränk, das Bier, brauen und machen lassen. Und wir sollten hierin vernünftig sein — mehr als die unvernünftigen Tiere, die nicht über ihren Durst hinaus trinken — und sollten billig den Allmächtigen darin erkennen und ihn dafür loben und ihm danken und nicht so vermessen saufen und schwelgen.

Es folgt weiter: „und die wilden Tiere ihren Durst löschen“. Auch sagt er das von den Tieren, deren viele so weit entfernt sind und dem Menschen zu keinerlei Gebrauch kommen, weder in die Küche noch zu einer Feld- oder Hausarbeit, und die dennoch von Gott auch gespeist und getränkt werden. Denn Gott lässt

S. 445

Bl. 221rBd. 25. Buch · Die Dankpredigt von 1550Faksimile (ORKA)
1

Jnenn das wasser fliessenn, aus den Bronnenn fernn vonn den Leuthenn, in geholtze vnnd gebirgenn, vff das das wilt auch des liebenn Vatters gutigkeitt mögenn geniessenn, Wie Dauidt ann einem anndern ort sagtt.

ihnen das Wasser fließen, aus den Brunnen fern von den Leuten, in Gehölzen und Gebirgen, damit auch das Wild die Güte des lieben Vaters genießen möge. Wie David an einem anderen Ort sagt:

2

Aller augenn wartten auff dich herr Also auch, die vogell in der Lufft, Wie er weitter spricht, ann dennselbenn Bronnenn quellenn vnnd flüssenn wonenn die vogell, vnnd singenn vnter den zweigenn, das ist seint frölich vnnd lustigk, singen für das essenn vnnd trinckenn, ein frölich gesanng vnnd liedt, vnnd lobenn Jrenn Schepffer vnnd ernehrer, Summa es ist alles danckbar dem herrn, das viehe vf dem felde, die vogell vnter dem Himmell, Soltenn wir mennschenn nit viel mehr Gottes gabenn erkennenn, vnnd darfür danckbar sein, Darumb so wollenn wir mit dem heiligenn Prophetenn vnnd anndernn gleubigenn mennschenn, auch diesenn Psalmenn vnns der wolthat Gottes erjnnernn, vnnd darfür Gott lobenn.

„Aller Augen warten auf dich, Herr.“ Ebenso auch die Vögel in der Luft, wie er weiter spricht: An diesen Brunnenquellen und Flüssen wohnen die Vögel und singen unter den Zweigen — das heißt, sie sind fröhlich und lustig, singen für das Essen und Trinken ein fröhliches Gesang und Lied und loben ihren Schöpfer und Ernährer.

Kurz, es ist alles dem Herrn dankbar: das Vieh auf dem Felde, die Vögel unter dem Himmel. Sollten wir Menschen nicht viel mehr Gottes Gaben erkennen und dafür dankbar sein? Darum wollen wir mit dem heiligen Propheten und anderen gläubigen Menschen uns auch durch diesen Psalm der Wohltat Gottes erinnern und Gott dafür loben

S. 446

Bl. 221vBd. 25. Buch · Die Dankpredigt von 1550Faksimile (ORKA)
1

vnnd preisenn, vnnd sagenn, Du lessest Bronnen quellenn, Dann welcher Konig oder Keiser hat die Kunst, das er seinem Volcke Bronnen gebe, so es vonnötenn were, aber du, du ewiger Gott, du lessest Bronnenn quellenn, es ist dein werck, Wir lesen, das er auch wohl hat Bronnenn gebenn, vnnd wasser lauffenn lassenn, aus hartenn felssenn, wie er den Kindernn Jsraël in der Wüstenn Wasser gab, Jtem da Konige Judith vnnd Jsmael zufelde lagenn, wieder den Konig Edem, vnnd grossenn mangel hattenn ann wasser, vnnd all viehe, vnnd alle verderbenn hettenn müssenn, gab Jne Gott wasser aus fürbit des Heiligenn Prophetenn Elisei, wie wir lesenn, 4.

und preisen und sagen: „Du lässest Brunnen quellen.“ Denn welcher König oder Kaiser hat die Kunst, seinem Volk Brunnen zu geben, wenn es nötig wäre? Aber du, du ewiger Gott, du lässest Brunnen quellen; es ist dein Werk. Wir lesen, dass er auch wohl Brunnen gegeben und Wasser hat laufen lassen aus harten Felsen, wie er den Kindern Israel in der Wüste Wasser gab. Ebenso, als die Könige Juda und Israel zu Felde lagen wider den König Edoms und großen Mangel an Wasser hatten und alles Vieh und alle hätten verderben müssen, gab ihnen Gott Wasser auf die Fürbitte des heiligen Propheten Elisa, wie wir lesen, 2. Könige 3.

2

Rege. 3: Welches alles sein grosse wercke seine gewaldt vnnd güete zuerzeigen[?]1 Nun habenn wir aber dieses orts, eine besonndere gabe eines Bronnes als nemblich der Saltzbronn, für den wir fürnemblich vnnd insonnderheit dem Herrnn danckenn, vnnd ein te Deum laudamus singenn sollenn, vonn wegenn des nutzbarkeitt.

Was alles seine großen Werke, seine Gewalt und Güte erweist. Nun haben wir aber an diesem Ort eine besondere Gabe eines Brunnens, nämlich den Salzbrunnen, für den wir vornehmlich und insbesondere dem Herrn danken und ein Te Deum laudamus singen sollen, seiner Nutzbarkeit wegen,

Unsichere Lesungen

  1. zuerzeigen[?] — Wortende gekürzt (Z. 15)

S. 447

Bl. 222rBd. 25. Buch · Die Dankpredigt von 1550Faksimile (ORKA)
1

so aus demselbigenn der liebe Gott so lannge gebenn, vnnd noch alle tage gibet, dann rechenn du, Wieviel tausenndt haußvetter mit allenn Jrenn Kindernn vnnd gesinde hat wohl der liebe Vatter souiel hundert Jar daher begabet, ernehret, erhalttenn, gespeiset, getrencket, gekleidet, aus dieser gabe des Bronnens, vnnd wieuiel habenn noch heutigs tags Jrenn vffennthalt, vnnd narung vom Bronnenn, mit alle Jrem Haußgesinde, Der mit Saltz machenn, dieser mit abführenn, vnnd wegkbringenn, Jener mit Holtz zu zuführenn, Holtz zu hauwenn, Wellenn zubindenn, Will geschweigenn der schmiede, die Jmmer ann den Pfannen zumachenn, vnnd zu lappenn habenn, Zimmerleute vnnd viel anndere arbeitsleute vnd taglöhner, welche mann teglich habenn muß, vnd allesampt Jre gewerbe darbey treibenn, Jrenn nutz suchenn, vnnd Jhr brodt verdienenn, solt mann dann nit Gott darfür lobenn vnnd erkennenn, das er vnns vnser teglich brodt also bescheren muß,

die der liebe Gott daraus so lange gegeben hat und noch alle Tage gibt. Denn rechne du: wie viele tausend Hausväter mit allen ihren Kindern und ihrem Gesinde hat wohl der liebe Vater so viele hundert Jahre her aus dieser Gabe des Brunnens beschenkt, ernährt, erhalten, gespeist, getränkt und gekleidet! Und wie viele haben noch heutigen Tages ihren Unterhalt und ihre Nahrung vom Brunnen mit all ihrem Hausgesinde: der mit Salzmachen, dieser mit Abführen und Wegbringen, jener mit Holzzufahren, Holzhauen, Wellenbinden. Ich will schweigen von den Schmieden, die immer an den Pfannen zu machen und zu flicken haben, von Zimmerleuten und vielen anderen Arbeitsleuten und Tagelöhnern, die man täglich haben muss und die allesamt ihr Gewerbe dabei treiben, ihren Nutzen suchen und ihr Brot verdienen. Sollte man dann nicht Gott dafür loben und erkennen, dass er uns unser täglich Brot so bescheren muss?

S. 448

Bl. 222vBd. 25. Buch · Die Dankpredigt von 1550Faksimile (ORKA)
1

Vielmehr aber sollenn die Jenigenn Gott danncken, die die Pfanntheile vnnd Erbe habenn ann solcher gabe, denenn souiel leute mit Jrer arbeit dienen, vnnd sie ohn alle mühe solchs aus des gütigen Vatters hanndt emtpfahenn, Ja sage Jch, die sollen sonnderlich vor anndernn Gott für die Gabe preisenn, vnnd auch des nechstenn nit vergessenn, mitzutheilenn, Was Jhnenn Gott bescheret, wie dann auch der brauch gewesenn, vf einen sonderlichenn tagk ein almusenn bey dem Bronnen allenn armenn leutenn, außzutheilenn, Wie dann auch mitgetheilt wirdt, alle Jar ein Fürstlich almosenn, armenn Pfarherrnn, Studenten, Jungfrauwenn so zur ehe greiffenn, vnd auch sonst armenn leutenn, Ja sage Jch, das ist wohlgethan, das mann mit wortenn vnnd werckenn vns sollenn dannckbar Jegenn vnserm woltheter erzeigenn vnnd erkennenn, dann vonn welchem wir solchs vnnd alles annder habenn, vnnd wo wir auch solchs nit thetenn, vnnd allein

Vielmehr aber sollen diejenigen Gott danken, die die Pfannteile und Erbe an solcher Gabe haben, denen so viele Leute mit ihrer Arbeit dienen und die ohne alle Mühe dies aus der Hand des gütigen Vaters empfangen. Ja, sage ich, die sollen besonders vor anderen Gott für die Gabe preisen und auch nicht vergessen, dem Nächsten mitzuteilen, was ihnen Gott beschert hat. Wie es denn auch Brauch gewesen ist, an einem besonderen Tag ein Almosen beim Brunnen allen armen Leuten auszuteilen; wie denn auch alle Jahre ein fürstliches Almosen an arme Pfarrherren, Studenten, Jungfrauen, die zur Ehe greifen, und auch sonst an arme Leute ausgeteilt wird. Ja, sage ich, das ist wohlgetan: dass wir uns mit Worten und Werken gegen unseren Wohltäter dankbar erzeigen und erkennen sollen, von wem wir dies und alles andere haben. Und wenn wir das nicht täten und allein

S. 449

Bl. 223rBd. 25. Buch · Die Dankpredigt von 1550Faksimile (ORKA)
1

vnsernn pracht, hoffart, vnnd geitz, schwelgen, vnnd prassenn treibenn, wie leider in etzlichenn der böse brauch vnnd vergeß Gottes ist, könnte vnd wurde auch der liebe Gott vnns der mahl eins, solche gabe schmeler machenn, Jne auch wohl gar enndtziehenn, denn denckt nit, ob es wohl ein lannge zeit gestanndenn, das darumb altzeit so stehenn müsse, dann singet vnns der Prophet ein annder liedt, vonn der die Beche zu Wüsten macht, vnnd die wasserquellenn lest versiegenn, setzt ein fruchtbar Lanndt in ein vnfruchtbars vmb der boßheit willenn, derenn die darinnen wohnenn Psal 107,1 wie offt ist das geschehenn, das Gott Stedte vnnd dorffer hatt gar lassenn vergehenn, vnnd ann anndernn ortten, anndere wieder lassenn vfgehenn, Bronnenn vnnd wasser versiegenn, vnnd ann anndernn orten wieder lassenn quellenn, wie wir das auch finden beim Stabone in seinem erstenn vnnd letztenn buche seiner Geographei, Jtem die Heilige schrifft gedenckt des Bronnens zu Jericho, Wie

unseren Prunk, unsere Hoffart und unseren Geiz, unser Schwelgen und Prassen trieben, wie es leider bei etlichen der böse Brauch und das Vergessen Gottes ist, so könnte und würde uns der liebe Gott dermaleinst diese Gabe auch schmälern oder sie gar ganz entziehen. Denn denkt nicht, dass es, nur weil es eine lange Zeit bestanden hat, darum allzeit so bestehen müsse; denn der Prophet singt uns ein anderes Lied von dem, der die Bäche zur Wüste macht und die Wasserquellen versiegen lässt und ein fruchtbares Land in ein unfruchtbares verwandelt um der Bosheit willen derer, die darin wohnen (Psalm 107).

Wie oft ist es geschehen, dass Gott Städte und Dörfer ganz hat vergehen lassen und an anderen Orten andere wieder hat aufgehen lassen, dass Brunnen und Wasser versiegten und an anderen Orten wieder quollen — wie wir das auch bei Strabo im ersten und letzten Buch seiner Geographie finden. Ebenso gedenkt die Heilige Schrift des Brunnens zu Jericho, wie

Unsichere Lesungen

  1. 107, — Zeichen über der Zeile (Z. 13)

S. 450

Bl. 223vBd. 25. Buch · Die Dankpredigt von 1550Faksimile (ORKA)
1

der verdorbenn, vnnd verlestert ist, vonn wegenn der sünde der Jnnwohner, vnnd wiederumb durch gebete des gleubigenn Helisei, vnnd annderer Gottes Kinder, gesundt süsse vnnd heilsamb gemacht ist, das sie sichs kunttenn gebrauchenn, kochen vnnd trinckenn, der für der zeit, weder mensch[?]1 noch viehe nütze war, Darumb solchs zuuerhutenn, sollenn wir wie fromme Gotteskinder, Gott in seinenn gabenn erkennenn, darfür danckenn, für sundenn vnns hutenn, Gott lobenn, vnsers armenn nehistenn nit vergessenn, vnnd vns also stellenn, das Gott nit mitt vnns zürne, dann sehet vor augenn Wann Gott die hanndt abzeucht, wie balde alle arbeitt verlorenn werenn, er könntte die Saltzadern sich verlierenn lassenn, oder stopffenn, er könte wiltwasser mit solcher weise quellenn lassenn, das mann es nit könntte gesonndernn, es könte durch Bauleute, den Bronnenn verderbenn lassenn werdenn, vnnd was soll mann viel

der verdorben und verlästert war von wegen der Sünde der Einwohner und wiederum durch das Gebet des gläubigen Elisa und anderer Gotteskinder gesund, süß und heilsam gemacht wurde, so dass sie sich seiner bedienen, damit kochen und daraus trinken konnten — er, der vorher weder Mensch noch Vieh nütze war.

Um dies zu verhüten, sollen wir wie fromme Gotteskinder Gott in seinen Gaben erkennen, dafür danken, uns vor Sünden hüten, Gott loben, unseren armen Nächsten nicht vergessen und uns so verhalten, dass Gott nicht mit uns zürne. Denn seht es vor Augen: Wenn Gott die Hand abzieht, wie bald wäre alle Arbeit verloren! Er könnte die Salzadern sich verlieren lassen oder verstopfen; er könnte wildes Wasser in solcher Weise quellen lassen, dass man es nicht absondern könnte; er könnte den Brunnen durch Bauleute verderben lassen. Und was soll man viel

Unsichere Lesungen

  1. mensch[?] — Wortende gekürzt (Z. 6)

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