Salzbibel · Lesetext · Einleitung
Die Einleitung · S. 17
Die Widmung an den Landgrafen · S. 17 · Bl. 6r · Band 1
Wortlaut der Handschrift Übersetzung — Ziffern am Rand sind die Segmentnummern (Sprungziel #s<Seite>-<Nummer>); hochgestellte Ziffern verweisen auf unsichere Lesungen am Fuß der Seite.
Die Widmung an den Landgrafen
S. 9–41 · Bl. 2–18 · Bd. 1 · Zeitleiste: Einleitung
S. 17
Bl. 6rBd. 1Einleitung · Die Widmung an den LandgrafenFaksimile (ORKA)weisheitt vnnd hohenn verstanndt, mitt seinenn almechtigenn fingernn, alles formire vnnd zu einem gewissen enndt oder ziel richtte. Vnd schleusset der Theologus, Ob wir wohl etwas durch vnnsere scharffsinnigkeit vnnd vleissige nachforschung der naturlichenn ding, Materiam et ordinem naturalium ersehenn, vnnd abnehmenn könnenn, so behalte doch der Schöpffer, vnnd allergrosseste kunstler, im allwegenn in allen dingenn, nichts ausgeschlossenn, so viel zuuor, das wir daruber erstarrenn, vnnd nicht annders als ein blinder im finsternn tappeln müssen, Wie dann solches auch der vortrefflichste Heidtnische Philosophus Aristoteles selbst gefuelet, vnnd geklagtt1 hatt, Da er sagt, das vnnser verstanndt in den naturlichenn dingenn, wenn wir meinenn, das wir dieselbigenn, so klar vnnd ausfuhrlich ergründet haben, das manns auch mitt den fingernn greiffenn könne, Je so blindt vnd so weit vonn dem grundt der sachenn seÿe, als ein Nachteul vonn der Sonnenn glanntz: Denn wir allesampt sehenn vnnd verstehenn das geringste vnnd schlechteste theil der Wercke Gottes, könnens vbrige weder ergründenn noch aussprechenn,
Weisheit und seinem hohen Verstand, mit seinen allmächtigen Fingern alles formt und auf ein bestimmtes Ende oder Ziel hin richtet.
Und der Theologe schließt: Mögen wir durch unseren Scharfsinn und fleißiges Nachforschen in den natürlichen Dingen auch Stoff und Ordnung erkennen und ableiten können — der Schöpfer und allergrößte Künstler behält doch in allen Dingen, nichts ausgenommen, immer so viel zurück, dass wir darüber erstarren und nicht anders als ein Blinder im Finstern tappen müssen.
Das hat auch der vortrefflichste heidnische Philosoph Aristoteles selbst empfunden und beklagt, wenn er sagt: Unser Verstand sei in den natürlichen Dingen — gerade dann, wenn wir meinen, wir hätten sie so klar und ausführlich ergründet, dass man sie mit den Fingern greifen könne — ebenso blind und ebenso weit vom Grund der Sache entfernt wie eine Nachteule vom Glanz der Sonne. Denn wir alle sehen und verstehen den geringsten und schlechtesten Teil der Werke Gottes; das Übrige können wir weder ergründen noch aussprechen.
Unsichere Lesungen
- geklagtt — evtl. gerlagtt verschrieben (Z. 13)