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Salzbibel · Lesetext · Einleitung

Die Einleitung · S. 13–22

Die Widmung an den Landgrafen · S. 13–22 · Bl. 4r–8v · Band 1

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Wortlaut der Handschrift Übersetzung — Ziffern am Rand sind die Segmentnummern (Sprungziel #s<Seite>-<Nummer>); hochgestellte Ziffern verweisen auf unsichere Lesungen am Fuß der Seite.

Die Widmung an den Landgrafen

S. 9–41 · Bl. 2–18 · Bd. 1 · Zeitleiste: Einleitung

S. 13

Bl. 4rBd. 1Einleitung · Die Widmung an den LandgrafenFaksimile (ORKA)
1

Sidich, mitt höchstenn vleis bemühet habenn, herfür vnd ann tagk zubringenn, Was doch das Saltz seÿe, vnndt woher es seinenn vhrsprung nehme, vnnd als sie denn sachenn lanng nachgedacht, Habenn sie es darfür genntzlich gehalttenn, das es nichts dann wasser vnnd Erden seÿe, Welches gleichsamb wie Laugenn durch aschenn, also durch die erdenn gegossenn werde, In welcher dan durch die krafft des Oberstenn Schöpffers vnd des Himmels zuwegenn bracht, vnnd distilliret werde, ein solch artificialisch Saltz, welches volgenndts den menschzu gutem gepraucht könne werdenn, Anndere habenns darfür gehalttenn, das es ein Innerlicher schweis der Erdenn seÿ, Welcher zugleich, wie sich der Regenn durch der Sonnenn hitz in die höhe vffzeucht, oder wie sich in einem Alembico aus den kreuternn, die feuchttigkeitt obenn Inn helm zeuchtt, vnd volgenndts der Regenn wieder herab, auff die erden felt, vnnd dieselbenn befeuchttet, vnnd durch die Nasen des Helms das zusammen gezogene wasser heraus tropfflet, also auch durch die Innerliche hitz in den gebirgen, die ewige Immerwehrennde dünste vffgezogenn, vnd enndtlich mit gewaltt Irenn ausflucht suchen, vnd

Sydyk, mit höchstem Fleiß bemüht haben, ans Licht zu bringen, was das Salz denn sei und woher es seinen Ursprung nehme. Und nachdem sie der Sache lange nachgedacht hatten, hielten sie es gänzlich dafür, es sei nichts als Wasser und Erde — gleichsam wie Lauge durch Asche, so werde es durch die Erde gegossen, in der dann durch die Kraft des obersten Schöpfers und des Himmels ein solches kunstvolles Salz zustande gebracht und destilliert werde, das hernach den Menschen zugute komme.

Andere haben es dafür gehalten, es sei ein innerer Schweiß der Erde. So wie der Regen durch die Sonnenhitze in die Höhe gezogen wird, oder wie sich in einem Destillierhelm die Feuchtigkeit aus den Kräutern nach oben zieht und danach der Regen wieder herabfällt, die Erde befeuchtet und durch die Nase des Helms das zusammengezogene Wasser heraustropft — so würden auch durch die innere Hitze in den Gebirgen die ewigen, immerwährenden Dünste hinaufgezogen, die endlich mit Gewalt ihren Ausweg suchen und

Unsichere Lesungen

  1. mensch= — Zeilenende abgekürzt (Z. 10) (Stelle im Wortlaut nicht eindeutig zuzuordnen)

S. 14

Bl. 4vBd. 1Einleitung · Die Widmung an den LandgrafenFaksimile (ORKA)
1

also sich nach natur der erdenn, durch welche sie ausdringenn, der erdenn eigennschafft ann sich nehmenn, vnnd enndtweder Saltzig, hitzigk, oder anndere qualitates ausfurenn. Sezenn dessenn diese vrsach, das die Saltzbrunnenn, nit allein vngleicher Substantz vnnd wesenns, vnd ein Brunnen nit altzeit gleiche reiche Sohlenn, an quantitet vnnd qualitet gebenn, Sonndern auch etlich Saltz, nach den farbenn des Erdtrichs geferbet werde, wie denn offennbar, das das Memphitische Saltz roth, das Sicilische Purpur, das Capadocische Saltz Saffran farbe, das Partische glentzenndt, das Agrigentinische weis, wie sonnst gemeinlich alle anndere Saltze seindt, vnnd das derwegenn das Saltz Res elementata, aus wasser, Erdenn, vnnd des Himmels krafft oder influentz, heruor brachtt vnnd vervhrsachtt werde, Dieser meinung ist vornemblich der weittberumbte Naturkundiger vnnd herlichste poëta Jouianus Pontanus in suis Methæoris. Anndere habenn denn sachenn weitters mit allem vleis nachgedacht, vnnd [übergeschrieben: seindt] letzlich dahin gerathenn, Weil

dabei nach der Art der Erde, durch die sie hinausdringen, die Eigenschaft dieser Erde annehmen und entweder salzig, hitzig oder mit anderen Eigenschaften austreten.

Als Beleg führen sie an, dass die Salzbrunnen nicht nur von ungleicher Beschaffenheit sind und ein Brunnen nicht immer gleich reiche Sole gibt, nach Menge wie nach Güte, sondern dass auch manches Salz sich nach den Farben des Erdreichs färbt. So ist ja offenbar, dass das memphitische Salz rot ist, das sizilische purpurn, das kappadokische safranfarben, das parthische glänzend, das agrigentinische weiß, wie sonst gewöhnlich alle anderen Salze sind. Deshalb sei das Salz ein zusammengesetztes Ding, aus Wasser, Erde und der Kraft oder dem Einfluss des Himmels hervorgebracht und verursacht. Dieser Meinung ist vor allem der weitberühmte Naturkundige und herrliche Dichter Giovanni Pontano in seinen „Meteora".

Andere haben der Sache mit allem Fleiß weiter nachgedacht und sind schließlich zu folgendem Schluss gekommen: Weil

S. 15

Bl. 5rBd. 1Einleitung · Die Widmung an den LandgrafenFaksimile (ORKA)
1

sie gesehenn vnnd erfahrenn, das grosse Berge hin vnd wiedder, sonnderlich aber in Polenn, in Hungernn, Kärntten, Steÿrmarck, vnnd anndernn vielenn örttenn befunden werdenn, In denenn nichts annders dann Saltz ausgehauwenn wirdt, desgleichenn alle Mehr saltzigk sindt, welche doch nicht alle aus den Innerlichenn schlussen der Erdenn, heruor kommenn, Sonndernn durch der Sonnenn hitz vnnd des Himmels krafft vervhrsacht werdenn, vnnd dennach das saltz ein selbstenndig ding, Ja wie der augennschein, vnnd die erfarung ausweisett, das dritte vnnd groste theil, der weltt nichts dann Saltz seÿe: das dennach die Salsedo vnd scherffe der Sohlenn, nach vnnderscheidt vnnd eigennschafft der Erdenn, durch welche sie fleusset, secundum magis et minus vervhrsacht vnnd produciret werde, Anndere seindt auch gewesenn, welche gemeinet, das die Saltz: vnnd anndere Brunnenn, aller aus dem Meer herkommenn, aber diese habenn ganntz weit gefehlet, vnnd nicht wahr genommenn, das sich solches ganntz vnd gar nit reÿmenn wölle Wanndt aber diese vnnd dergleichenn Opinionen vnd meÿ=

sie gesehen und erfahren haben, dass sich hier und da große Berge finden — besonders in Polen, in Ungarn, in Kärnten, in der Steiermark und an vielen anderen Orten —, in denen nichts anderes als Salz ausgehauen wird, und weil ebenso alle Meere salzig sind, die doch nicht alle aus den inneren Schlüften der Erde kommen, sondern durch der Sonne Hitze und des Himmels Kraft verursacht werden, darum sei das Salz ein selbständiges Ding. Ja, wie der Augenschein und die Erfahrung ausweisen, sei der dritte und größte Teil der Welt nichts als Salz. Die Schärfe der Sole werde demnach nach Unterschied und Eigenschaft der Erde, durch die sie fließt, in größerem oder geringerem Maß verursacht und hervorgebracht.

Wieder andere haben gemeint, die Salzbrunnen und andere Brunnen kämen alle aus dem Meer. Diese aber haben ganz weit gefehlt und nicht bemerkt, dass sich das überhaupt nicht zusammenreimen will.

Weil aber diese und ähnliche Ansichten und Mei-

S. 16

Bl. 5vBd. 1Einleitung · Die Widmung an den LandgrafenFaksimile (ORKA)
1

nungenn, auszufurenn ein grosse weittleufftigkeitt erfordert, vnnd dieses ortts nichtt beschehenn kann, als ist mein vorhabenns, dauonn einenn sonnderlichenn Tractatum, wie Ich denn albereitts im werck zuschreiben, vnnd E. F. G. zu gelegener zeitt zu vbergebenn, Dauonn will ich aber dismals allein sagenn, das alle Naturkundiger, in betrachttung aller naturlichenn ding, nuer Materiam et formam, vnnd wie die in der Natur seindt, betrachttet habenn: aber ein Theologo will gepurenn, das er etwas höher steige, vnndt Causam efficientem, solcher Natur grundtlicher suche, das ist, er mus betrachttenn, vnd denen suchenn, der die Natur also geordenet vnnd anngerichttet hatt, Item Wo zu, vnnd zu welchem enndt solches also anngerichttet, vnnd geordtnet seÿe, Denn die erste weise vnnd erforschung der Naturlichenn ding, weiset nicht mehr, als ordinem in rebus, ut sunt et fiunt. Die anndere aber gibt den Herrenn der solches alles wircket vnnd habenn will, vnnd beweiset das derselbige Jegennwerttigk seÿe, vnnd aus der Natur, nach seiner vnbegreifflichenn vnnd vrenndtlichenn1

nungen auszuführen große Weitläufigkeit erfordert und an dieser Stelle nicht geschehen kann, ist es mein Vorhaben, darüber einen eigenen Traktat zu schreiben — ich habe bereits damit begonnen — und ihn Euren Fürstlichen Gnaden zu gelegener Zeit zu übergeben.

Diesmal will ich nur so viel sagen: Alle Naturkundigen haben bei der Betrachtung aller natürlichen Dinge nur den Stoff und die Form betrachtet und wie diese in der Natur vorkommen. Einem Theologen aber gebührt es, etwas höher zu steigen und die wirkende Ursache solcher Natur gründlicher zu suchen. Das heißt: Er muss den betrachten und suchen, der die Natur so geordnet und eingerichtet hat, und ebenso, wozu und zu welchem Ende sie so eingerichtet und geordnet ist.

Denn die erste Art der Erforschung natürlicher Dinge zeigt nicht mehr als die Ordnung in den Dingen, wie sie sind und werden. Die zweite aber führt zu dem Herrn, der das alles wirkt und will, und beweist, dass er gegenwärtig ist und aus der Natur heraus, nach seiner unbegreiflichen und unendlichen

Unsichere Lesungen

  1. vrenndtlichenn — wohl vnenndtlichenn (Z. 21)

S. 17

Bl. 6rBd. 1Einleitung · Die Widmung an den LandgrafenFaksimile (ORKA)
1

weisheitt vnnd hohenn verstanndt, mitt seinenn almechtigenn fingernn, alles formire vnnd zu einem gewissen enndt oder ziel richtte. Vnd schleusset der Theologus, Ob wir wohl etwas durch vnnsere scharffsinnigkeit vnnd vleissige nachforschung der naturlichenn ding, Materiam et ordinem naturalium ersehenn, vnnd abnehmenn könnenn, so behalte doch der Schöpffer, vnnd allergrosseste kunstler, im allwegenn in allen dingenn, nichts ausgeschlossenn, so viel zuuor, das wir daruber erstarrenn, vnnd nicht annders als ein blinder im finsternn tappeln müssen, Wie dann solches auch der vortrefflichste Heidtnische Philosophus Aristoteles selbst gefuelet, vnnd geklagtt1 hatt, Da er sagt, das vnnser verstanndt in den naturlichenn dingenn, wenn wir meinenn, das wir dieselbigenn, so klar vnnd ausfuhrlich ergründet haben, das manns auch mitt den fingernn greiffenn könne, Je so blindt vnd so weit vonn dem grundt der sachenn seÿe, als ein Nachteul vonn der Sonnenn glanntz: Denn wir allesampt sehenn vnnd verstehenn das geringste vnnd schlechteste theil der Wercke Gottes, könnens vbrige weder ergründenn noch aussprechenn,

Weisheit und seinem hohen Verstand, mit seinen allmächtigen Fingern alles formt und auf ein bestimmtes Ende oder Ziel hin richtet.

Und der Theologe schließt: Mögen wir durch unseren Scharfsinn und fleißiges Nachforschen in den natürlichen Dingen auch Stoff und Ordnung erkennen und ableiten können — der Schöpfer und allergrößte Künstler behält doch in allen Dingen, nichts ausgenommen, immer so viel zurück, dass wir darüber erstarren und nicht anders als ein Blinder im Finstern tappen müssen.

Das hat auch der vortrefflichste heidnische Philosoph Aristoteles selbst empfunden und beklagt, wenn er sagt: Unser Verstand sei in den natürlichen Dingen — gerade dann, wenn wir meinen, wir hätten sie so klar und ausführlich ergründet, dass man sie mit den Fingern greifen könne — ebenso blind und ebenso weit vom Grund der Sache entfernt wie eine Nachteule vom Glanz der Sonne. Denn wir alle sehen und verstehen den geringsten und schlechtesten Teil der Werke Gottes; das Übrige können wir weder ergründen noch aussprechen.

Unsichere Lesungen

  1. geklagtt — evtl. gerlagtt verschrieben (Z. 13)

S. 18

Bl. 6vBd. 1Einleitung · Die Widmung an den LandgrafenFaksimile (ORKA)
1

Wie aber dem allen, so will ich dismahls als der geringste vnnder den Philosophis vnd Theologis, vom Saltz, dessen vrsprung, eigennschafft vnnd nutzenn, etwas also viel Immer muglich, mit wenigenn worttenn, kurtzlich einpringenn, Denn ich haltt das Saltz vor ein naturlich wunderwerck vnnd geschöpff Gottes, welches er in vnnd nach der natur durch wasser vnd erdenn, herfurbringt, vnnd damit seine freÿe milte hanndt, grosse vnnd vnaussprechliche gewalt, höheste vnnd vnerforschliche weisheitt vnnd guete, Jegenn vnns mennschenn Ja der ganntzenn welt offenbaret, denn seine weisheitt Je in dem erkanndt, vnnd billich gepreiset wirdt, das er alles, was zur volkommenheit der welt nötigk gewesenn, ohne Jemanndts eingebenn vnnd bedennckenn vor sich selbst, vnnd was dem mennschenn vnnd viehe zur gesundtheit, vnnd artzneÿ diennstlich, lannge zuuor, ehe auch die beschaffung aller ding anngangenn, ersehenn, vnnd also aus zweÿenn: Nemblich wasser vnnd Erdenn, ein solches dritte simplex vnd per se constans elementatum, heruor zubringenn, vnd zuerschaffenn, vor nottwenndigk erkannt hatt.

Wie dem auch sei: Ich will diesmal, als der Geringste unter den Philosophen und Theologen, vom Salz, seinem Ursprung, seiner Eigenschaft und seinem Nutzen mit wenigen Worten so viel vorbringen, wie es irgend möglich ist.

Denn ich halte das Salz für ein natürliches Wunderwerk und Geschöpf Gottes, das er in und nach der Natur durch Wasser und Erde hervorbringt. Damit offenbart er uns Menschen, ja der ganzen Welt, seine freigebige milde Hand, seine große und unaussprechliche Macht und seine höchste, unerforschliche Weisheit und Güte.

Denn seine Weisheit wird ja daran erkannt und billig gepriesen, dass er alles, was zur Vollkommenheit der Welt nötig war, ohne jemandes Eingebung und Rat aus sich selbst vorgesehen hat — und dass er alles, was dem Menschen und dem Vieh zur Gesundheit und als Arznei dienlich ist, lange zuvor bedacht hat, ehe die Erschaffung aller Dinge überhaupt begann. So hat er es für notwendig erkannt, aus zweien, nämlich Wasser und Erde, ein solches drittes, einfaches und für sich bestehendes Element hervorzubringen und zu erschaffen.

S. 19

Bl. 7rBd. 1Einleitung · Die Widmung an den LandgrafenFaksimile (ORKA)
1

Seine gewaltt aber wirdt in dem erkanndt, das alles was er zuuor beschlossenn, vnnd im vorgenommenn, solches auch ohnn einigs verhindernn, ohnn alle muhe, Ja gantz ohn alle beschwerung, vnnd leichtlich mitt einem athem oder wortt zuwegenn hatt bringenn könnenn, vnnd zugleich mit demselbigenn almechtigenn athem oder wortt, das es nicht vffhörenn, sonndernn wehrenn vnnd bestehenn müsse, bis anns enndt der weltt bestetiget, Wie ich solches beids in meinem grossenn Tractatu ausfurenn, vnnd das wiederige ablehnenn will. Es ist aber das Saltz feuriger eigennschafft vnnd nattur, wie solchs ipso sensu communi offennbar vnnd bekandt ist, Daher denn die Philosophi vnnd Naturkundiger gemeinet, das es ein Cognation oder verwanndtschafft, mitt der Sonnenn habe, vnnd das es ein sonderlich geheimnus seÿe, Weÿl Irer beider benennung so gleich lautenn, vnnd nur durch einenn einzigenn Buchstabenn vnnderscheidenn werdenn, denn Saltz im Latein Sal, vnnd die Sonn Sol genennett werdenn, Sodann das Saltz feuriger vnnd warmmer Natur ist, so mus Je nottwendig eruolgenn, das seine eigen=

Seine Macht aber wird daran erkannt, dass er alles, was er zuvor beschlossen und sich vorgenommen hatte, auch ohne jede Behinderung, ohne alle Mühe, ja ganz ohne Beschwerde und leicht mit einem Atemzug oder Wort zustande bringen konnte — und dass er zugleich mit demselben allmächtigen Atem oder Wort festgesetzt hat, dass es nicht aufhören, sondern währen und bestehen soll bis ans Ende der Welt. Beides will ich in meinem großen Traktat ausführen und das Gegenteil widerlegen.

Das Salz ist aber von feuriger Eigenschaft und Natur, wie das dem gesunden Menschenverstand offenbar und bekannt ist. Daher haben die Philosophen und Naturkundigen gemeint, es habe eine Verwandtschaft mit der Sonne, und darin liege ein besonderes Geheimnis, weil beider Benennung so ähnlich klingt und sich nur durch einen einzigen Buchstaben unterscheidet: Salz heißt lateinisch *sal*, die Sonne *sol*.

Weil nun das Salz von feuriger und warmer Natur ist, so muss notwendig folgen, dass seine Eigen-

S. 20

Bl. 7vBd. 1Einleitung · Die Widmung an den LandgrafenFaksimile (ORKA)
1

schafft, nicht allein sey. erwermenn, sonndernn auch trockenn, zumachenn: aus welchem weitters zuschliessenn, das es die nassenn vnnd kaltten erder1[?] erwermet, vnnd austrocknet, vnnd per Consequens traghafftig2[?] machet, Item das es die Phlegmata in Corpernn verzehre, vnnd alle feulnis vnd Corruption abwennde, vnnd also per Consequens das Corpus erhaltte, vnnd langwerenndt mache, Welches zwar den König aller Poëten Homerum bewegtt hatt, das er das Saltz vor ein sonnderlich Götliches wesenn, vnnd Symbolum der Ewigkeitt geachttet hatt. Es erwermbt auch das Saltz, wegenn seiner naturlichKrafft, den Magenn, befordert die digestion desselbigenn preseruirt vor aller feulnis, erwecktt Lust zuessenn, verzehret die vbrigenn feuchtigkeitt, welches auch wie die Naturkundiger sagenn, die natur den Taubenn also Inngebildet, das sie Irenn Jungenn saltz einstreuenn3[?], sie damitt zur speise anzureizenn. Es macht auch das Saltz den geschmack subtil vnnd gut, vnnd insonnderheitt wirdt in allem saltz, ein sondere Krafft vnnd Lust, zu ermehrung allerley

schaft nicht nur das Erwärmen ist, sondern auch das Trocknen. Daraus ist weiter zu schließen, dass es die nassen und kalten Erden erwärmt, austrocknet und infolgedessen fruchtbar macht. Ebenso, dass es die Schleimstoffe in den Körpern verzehrt, alle Fäulnis und Verderbnis abwendet und folglich den Körper erhält und langlebig macht. Das hat den König aller Dichter, Homer, dazu bewogen, das Salz für ein besonderes göttliches Wesen und ein Sinnbild der Ewigkeit zu halten.

Das Salz erwärmt wegen seiner natürlichen Kraft auch den Magen, fördert dessen Verdauung, bewahrt vor aller Fäulnis, weckt Lust zum Essen und verzehrt die überflüssige Feuchtigkeit. Deshalb hat, wie die Naturkundigen sagen, die Natur es den Tauben so eingegeben, dass sie ihren Jungen Salz einstreuen, um sie damit zur Speise zu reizen.

Das Salz macht auch den Geschmack fein und gut. Und besonders liegt in allem Salz eine eigene Kraft und Lust zur Vermehrung aller

Unsichere Lesungen

  1. erder — Endung unklar (Z. 3)
  2. traghafftig — Lesung unsicher (Z. 5)
  3. streuenn — Lesung unsicher (Z. 19)

S. 21

Bl. 8rBd. 1Einleitung · Die Widmung an den LandgrafenFaksimile (ORKA)
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thierer vermerckt vnnd befundenn, wie das alle Naturkundiger einmutigk bezeugenn, Deshalb denn auch Venus, darumb das sie aus Saltz vnnd Meer herkommenn, Haligena genanndt wirdet, Denn am Vffer des Meers viel mehr lebenndiges gewurmbs von Schneckenn vnnd anndernn vngeziefernn, vmb des Saltzes willenn fundenn werdenn, denn in den Teichenn vnnd süssenn wassernn, deshalb denn das Saltz, nit vnzimblich Mater Viuentium genennet wordenn, Dieweil denn nun aus diesem allenn erscheinet, das das Saltz Res omnino medicinalis, vnnd zur gesundtheitt der mennschenn vnnd viehes sehr nötigk seye, So habenn die alttenn Weisenn heidenn hiervonn sehr viel gehalttenn, dasselb in stettenn brauch vber disch gehapt, vnnd keine speise ohnne saltz zu sich nehmenn wollenn, auch damit Je die speise, durch einenn andernn nit verderbet, oder versaltzenn wurde, hatt ein Jeder souiel ihm vonnötenn, des vffgesetztenn saltzes genommenn, vnnd genossenn, Welches volgennds in also einenn stettigenn brauch kommenn, das sies nicht allein, als ein leibs Artzeney, zur gesundtheit gebraucht, Sonndernn sie habenns auch traus

Tiere bemerkt und gefunden, wie alle Naturkundigen einmütig bezeugen. Deshalb wird auch Venus, weil sie aus Salz und Meer hervorgegangen ist, die Salzgeborene genannt. Denn am Ufer des Meeres findet sich um des Salzes willen viel mehr lebendiges Gewürm an Schnecken und anderem Getier als in den Teichen und im Süßwasser. Darum ist das Salz nicht unpassend die Mutter der Lebendigen genannt worden.

Weil aus alldem nun hervorgeht, dass das Salz durch und durch heilkräftig und für die Gesundheit von Mensch und Vieh sehr nötig ist, haben die alten weisen Heiden viel davon gehalten. Sie hatten es ständig bei Tisch und wollten keine Speise ohne Salz zu sich nehmen. Und damit die Speise nicht durch einen anderen verdorben oder versalzen würde, nahm jeder so viel vom aufgesetzten Salz, wie er brauchte, und genoss es. Das kam schließlich so in ständigen Gebrauch, dass sie es nicht nur als Arznei für den Leib zur Gesundheit gebrauchten, sondern es auch übertragen

S. 22

Bl. 8vBd. 1Einleitung · Die Widmung an den LandgrafenFaksimile (ORKA)
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sumptiue, vff die Ethicam vnnd Mores gezogenn, also das alle gesprech vnnd rede solttenn wie die rechtt wohlgesaltzene speise, lieblich vnnd lustig sein, vnnd keinenn verdris Jemanndts machenn, Daher sies dann auch vor ein sonnderlich böses Omen geachtet, wenn das saltz verschüttet wordenn, Einen langweiligenn vnlustigenn mennschenn, haben sie insulsum, in cuius corpore ne mica salis wehre, gescholtenn, vnnd ist bey den Erbarnn heydenn, ein Symbolum der messigkeit gewesenn, Da mann zusagenn pflegt, zuuiel vnnd zuwenig giltt nicht, Der Philosophus Diogenes, hatt vff ein zeit gesagt, er wolle lieber zu Athen saltz leckenn, das ist in mittelmessigenn stanndt lebenn, denn mit dem Cratero vber seiner Furstlichenn Taffelnn essenn, Denn ers darfür gehalttenn, das solchs gefehrlich. Also habenn auch anndere die redenn so heimlich stechenn, vnd verletzung hinder sich habenn, Salsa dicta, Wie dann auch kurtzweilige redenn, Sales genennet, Desgleichenn habenn sie zur warnung gesagt, Salem et mensam ne prætereas, das ist, es solle keiner keinenn vnlust erregenn, vnnd das Gelagk verderbenn, So

auf Sitte und Charakter bezogen: Alle Gespräche und Reden sollten wie eine recht gut gesalzene Speise lieblich und angenehm sein und niemandem Verdruss machen. Daher hielten sie es auch für ein besonders böses Vorzeichen, wenn Salz verschüttet wurde.

Einen langweiligen, unerfreulichen Menschen schalten sie „ungesalzen — einen, in dessen Körper kein Körnchen Salz ist". Und bei den ehrbaren Heiden war es ein Sinnbild der Mäßigung, wie man zu sagen pflegt: Zu viel und zu wenig taugt nicht. Der Philosoph Diogenes hat einmal gesagt, er wolle lieber in Athen Salz lecken — das heißt: in mittlerem Stand leben — als mit Krateros an dessen fürstlicher Tafel essen; denn er hielt Letzteres für gefährlich.

Ebenso haben andere die Reden, die heimlich stechen und eine Verletzung im Rücken führen, „gesalzene Reden" genannt, wie auch kurzweilige Reden „Salze" heißen. Desgleichen sagten sie zur Warnung: „Geh nicht an Salz und Tisch vorüber" — das heißt: Keiner soll Unlust erregen und die Tafelrunde verderben.

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