Forschung
Chronologie
Der Ort und die Welt, Jahr für Jahr nebeneinander
Zwei Zeitschienen
Die linke Spalte gehört dem Ort: 72 datierte Ereignisse von der Salzschlacht des Tacitus bis zum Ortsschild von 2026, mit Belegstatus und Quellen. Die rechte gehört der weiteren Welt: 69 Ereignisse der Salz-, Rechts-, Landes- und Kurgeschichte, die den Ort einordnen — Hallstatt, die Ronkalischen Gesetze, die Holzkrise des 16. Jahrhunderts, Staßfurt, Solvay, die Salzsteuer. Beide Reihen sind nach Jahren ineinander sortiert; wer nur eine sehen will, schaltet um. Nicht jedes Ereignis rechts hat einen Bezug nach links; wo einer besteht, sagt der Text ihn, und er sagt auch, wenn die Parallele nur eine Analogie ist.
Die Ereignisse der Salzbibel selbst — 1300, 1489, 1538, 1540, 1550, 1567, 1586 — stehen in der linken Spalte; ihre Quelle ist dort das Faksimile. Für alles andere gelten die genannten Quellen, und der Belegstatus (belegt, überliefert, umstritten, assoziativ) sagt, wie weit man ihnen trauen sollte.
Die Zeitschiene
Auf breiten Bildschirmen stehen die Ereignisse des Ortes links, die der weiteren Welt rechts; auf schmalen untereinander. Die Filter grenzen nach Ebene, Jahrhundert, Zeitraum und Stichwort ein; die Liste wird seitenweise gezeigt.
- ab 1563Vor Ort · Wirtschaft
Rhenanus macht die Kohle brennbar
Rhenanus experimentiert mit Braunkohle vom Hohen Meißner — entdeckt hat er sie nicht. Am Meißner wurde schon seit 1497 Bergbau betrieben, ab etwa 1540 interessierte man sich der Alaunsiederei wegen für die Kohle, erste Schürfungen sind für 1555 belegt. Rhenanus' Leistung ist eine andere und die interessantere: Er setzte die Siedepfannen auf einen Rost aus Backsteinen, entwickelte den „Allendorfer Windofen“ mit Kamin und nutzte sogar dessen Abwärme zum Trocknen des Salzes. In seiner eigenen Versuchshütte sott er 140 Pfannen Salz im Jahr, wo herkömmlich nur 90 bis 95 möglich waren.
Quellen: Waitz von Eschen, Der nordhessische Braunkohlenbergbau 1578–2003 (ZHG 110, PDF) R. Sieber, Bergmannsleben auf dem Meißner (Der Anschnitt 1/1956, PDF) Johannes Rhenanus — Wikipedia
Wortlautzitate in diesem Eintrag stammen aus der genannten Literatur, nicht aus der Handschrift; sie sind nicht gegen den Volltext geprüft.
- 1567/68–1585, Reinschrift 1586Vor Ort · Kultur
Das „New Saltzbuch“, genannt Salzbibel
Fast zwanzig Jahre lang schreibt Rhenanus, zusammen mit dem Salinenbeamten Christoph Hombergk, an einer Gesamtdarstellung des Salinenwesens: rund 2.000 Seiten in fünf Büchern, mit vier Anhängen und neun technischen Zeichnungen. Der Spitzname Salzbibel spielt darauf an, dass der Verfasser bis zuletzt auch Pfarrer blieb. Gedruckt wurde das Werk nie. Die Reinschrift liegt in der Universitätsbibliothek Kassel (2° Ms. Hass. 186), eine weitere Abschrift im Salzmuseum im Söder Tor; wo die Urschrift geblieben ist, gilt als ungeklärt. Die Kasseler Handschrift ist vollständig digitalisiert und im Repositorium ORKA frei zugänglich. Es ist das umfangreichste handschriftliche Salinenkompendium des 16. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum — und ein halbes Jahrhundert älter als die erste gedruckte Salinenkunde.
Quellen: Salzbibel, 2° Ms. Hass. 186 — Digitalisat der Universitätsbibliothek Kassel (ORKA) Emons/Walter, Die Siedesalzproduktion in Deutschland (Der Anschnitt 1/1986, PDF) Salzmuseum (Bad Sooden-Allendorf) — Wikipedia
- 1568Vor Ort · Salz
Die älteste Beschreibung eines Gradierwerks
Auf einer seiner Reisen sieht Rhenanus in der Saline Sulza „schmale, lange Bauten, in denen über flachen Trögen Strohdecken hingen“ — und schreibt es auf. Damit ist sein Werk die früheste bekannte Quelle zur Gradiertechnik in Deutschland. Das daraus gezimmerte Lokalargument, Allendorf sei Bad Nauheim um elf Jahre zuvorgekommen, trägt allerdings nicht: Beschrieben wurde eine fremde Anlage in Thüringen, und in Allendorf selbst wurde erst ab 1601 gradiert.
Quellen: Emons/Walter, Die Siedesalzproduktion in Deutschland (Der Anschnitt 1/1986, PDF) Verein für Heimatkunde BSA, Geschichte der Saline
Wortlautzitate in diesem Eintrag stammen aus der genannten Literatur, nicht aus der Handschrift; sie sind nicht gegen den Volltext geprüft.
- 16./17. JahrhundertWeitere Welt · Energie teilweise
Vom Stroh zum Dorn
Im 16. Jahrhundert wird in Bad Kissingen die Strohgradierung eingeführt; vom 16. zum 17. Jahrhundert setzt sich die Dorngradierung durch, weil sie die Solekonzentration vor dem Versieden durch natürliche Verdunstung steigert und dadurch Heizmaterial einspart. Rhenanus’ Beschreibung des Sulzaer Strohgradierwerks von 1568 ist die früheste bekannte Quelle zu dieser Technik — elf Jahre vor Bad Nauheim. Diese Priorität beruht allerdings allein auf Rhenanus’ Zeugnis.
Der Übergang zog sich über Generationen. Eingeordnet auf 1568, das Jahr der ältesten bekannten Beschreibung durch Rhenanus.
Quellen: Gradierwerk — Wikipedia Johannes Rhenanus — Wikipedia
- 7. Juni 1571Vor Ort · Wirtschaft
Der Landgraf befiehlt das Kohlenbergwerk
Landgraf Wilhelm IV. entscheidet, das Kohlenbergwerk am Meißner in Eigenregie zu betreiben: „So seind wir des Vorhabens solch Kohlenbergwergk Im nahmen Gottes Uns selbst und unsern armen Underthanen zum pesten erbawen und vortsetzen zue lassen.“ Bemerkenswert ist die Kleinheit des Einsatzes — von „einem gulden oder 30“ ist die Rede, ein kalkuliertes Risiko. Es ist ein landesherrlicher Regiebetrieb, kein Rhenanus-Unternehmen; das bergmännische Können kam aus Kursachsen. 1579 besucht der Landgraf die Gruben persönlich und ordnet gegen die Grubenbrände Ausmauerung statt Zimmerung an.
Quellen: Waitz von Eschen, Der nordhessische Braunkohlenbergbau (ZHG 110, PDF) R. Sieber, Bergmannsleben auf dem Meißner (PDF)
Wortlautzitate in diesem Eintrag stammen aus der genannten Literatur, nicht aus der Handschrift; sie sind nicht gegen den Volltext geprüft.
- 1575–1578Vor Ort · Wirtschaft
Der Stollen im Schwalbenthal
Ab 1575 wird im Schwalbenthal am Hohen Meißner geteuft und eine Hauptstrecke aufgefahren; im Frühjahr 1578 beginnt die regelmäßige Förderung von Hartbraunkohle. Die beiden Jahreszahlen widersprechen sich nicht — die eine meint den Aufschluss, die andere den Betrieb. Möglich war das nur, weil der aufsteigende Basalt die Kohle zu Glanzkohle veredelt hatte, stückig und heizstark wie Steinkohle. Privilegierte Fuhrleute aus dem Hain fuhren Grubenholz kostenlos den Berg hinauf, Kohle die zehn Kilometer hinab nach Sooden — und wurden mit begehrten Salzfuhren bezahlt.
Quellen: Waitz von Eschen, Der nordhessische Braunkohlenbergbau (ZHG 110, PDF) R. Sieber, Bergmannsleben auf dem Meißner (PDF) Verein für Heimatkunde BSA, Geschichte der Saline
- 1578Vor Ort · Wirtschaft
Kohle statt Holz — der Brennstoffwechsel
Die Saline Sooden wird als erste Anlage auf dem europäischen Festland regelmäßig mit fossiler Kohle beliefert; England war mit etwa 1546 früher. Die Produktion stieg dadurch um über zwanzig Prozent, und der Bergbau blieb bis 1814 unter Salinenverwaltung. Um 1584 gingen bereits rund 8.000 Tonnen Kohle im Jahr über den Berg ins Tal. Zum Vergleich: Die bayerische Saline Traunstein verbrannte noch 292 Jahre länger Holz und stellte erst 1870 auf Kohle um.
Quellen: Waitz von Eschen, Der nordhessische Braunkohlenbergbau (ZHG 110, PDF) Saline Traunstein, Energieversorgung
- 1563/1578Weitere Welt · Energie teilweise
Das Ende des hölzernen Zeitalters — hier zuerst
Rhenanus experimentiert ab 1563 mit Braunkohle vom Hohen Meißner, ab 1578 läuft die reguläre Förderung; nach lokaler Überlieferung wird das Salzwerk Sooden damit die erste technische Anlage, in der Braunkohle die Holzfeuerung ablöst. Damit steht der Ort am Anfang des fossilen Zeitalters, das später Newcomen, Watt und Drake ausbuchstabieren werden. Der Kohlebergbau bleibt bis 1814 unter Salinenverwaltung. Der Weltrekord-Anspruch stammt aus lokaler Literatur und ist nicht unabhängig verifiziert.
Quellen: Johannes Rhenanus — Wikipedia Bad Sooden-Allendorf — Wikipedia
- 3. Mai 1586Vor Ort · Salz
Die Ewige Lokation, besiegelt mit 53 Siegeln
Die Pfänner verpachten ihre Pfannen auf ewig an den Landesherrn. Dreiundfünfzig Siegel hängen an der Urkunde — so breit war der Pfannenbesitz in der Bürgerschaft gestreut. Aus Unternehmern werden damit Rentiers mit einem nominal fixierten Pachtzins, den die Preisrevolution des 16. und die Kipperinflation der 1620er Jahre langsam auffressen. Im selben Jahr wird Sooden organisatorisch endgültig von Allendorf getrennt. Die Urkunde liegt heute im Salzmuseum.
Quellen: Verein für Heimatkunde BSA, Geschichte der Saline LAGIS, Historisches Ortslexikon: Sooden Salzmuseum (Bad Sooden-Allendorf) — Wikipedia
- 29. April 1589Vor Ort · Person
Rhenanus stirbt in Sooden
Nach 34 Jahren im Doppelamt stirbt Johannes Rhenanus und wird in St. Marien zu Sooden begraben. Landgraf Wilhelm IV. hatte ihn auf Reisen zu fremden Salinen geschickt, damit er sein Wissen erweitere und aufschreibe; in den 1580er Jahren holte man ihn als Gutachter nach Pommern und Braunschweig-Lüneburg — er war einer der ersten überregional gefragten Salinenberater Europas. Sein Enkel Johannes, Leibarzt des Landgrafen Moritz, veröffentlichte später die alchemistischen Schriften, die in der Literatur oft dem Großvater zugeschrieben werden. Schule, Platz, Klinik und Haus in der Stadt tragen bis heute seinen Namen.
Quellen: Deutsche Biographie: Johannes Rhenanus Johannes Rhenanus — dewiki
- ab 1601Vor Ort · Salz ueberliefert
Das Dröppeln beginnt
Jetzt gradiert auch Sooden selbst: Die Sole rieselt über Strohbündel, bis zu siebenmal hintereinander, und steigt dabei von rund fünf auf 22 Prozent Salzgehalt. Wind und Sonne leisten damit die Verdunstungsarbeit, die vorher das Feuer allein tun musste — bei fünf Prozent Rohsole müssen neunzehn Zwanzigstel des Wassers verschwinden. Genau darin liegt die Signatur dieser Saline: eine der schwächsten Solen Deutschlands, die ihren Standortnachteil durch Technik ausgleichen musste und deshalb technisch führend wurde.
Quellen: Verein für Heimatkunde BSA, Geschichte der Saline Emons/Walter, Die Siedesalzproduktion in Deutschland (PDF)
- 1605 ff.Vor Ort · Kirche
Bildersturm in St. Crucis
Landgraf Moritz der Gelehrte tritt zum reformierten Bekenntnis über und setzt seine „Verbesserungspunkte“ im Land durch. In Allendorf führt das zu bilderstürmerischen Zerstörungen im Inneren von St. Crucis. Rechtlich stand Moritz dabei auf dünnem Eis: Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 kannte nur Katholiken und Lutheraner, für Reformierte gab es keinen gesicherten Status. Ob es in Allendorf offenen Gemeindewiderstand gab, ist nicht überliefert.
Quellen: Ev. Kirchengemeinde BSA, Abriss St. Crucis Moritz (Hessen-Kassel) — Wikipedia
- 18. Juni 1605Weitere Welt · Politik
Die Verbesserungspunkte
Landgraf Moritz verfügt am 18. Juni 1605 die calvinistisch geprägten Verbesserungspunkte: reformierte Zählung der Zehn Gebote und Bilderverbot in den Kirchen. Der Bildersturm in Allendorf ist deshalb kein Volksaufruhr, sondern der Vollzug eines landesherrlichen Erlasses — dasselbe Muster wie 1527. In der lutherischen Geistlichkeit regt sich Widerstand, Pfarrer emigrieren ins Darmstädtische.
Quellen: Calvinismus in Hessen-Kassel, 18. Juni 1605 — Bildungsserver Hessen
- 1618–1648Weitere Welt · Krieg
Der Dreißigjährige Krieg
Der Krieg beginnt 1618 als böhmischer Ständekonflikt und wird zum europäischen Machtkampf. Ab 1623 ziehen Truppen unter Tilly, Wallenstein, Merode und Pappenheim durch Allendorf — jedes Mal Besatzungskosten, jedes Mal Schutzbriefe, jedes Mal Kontributionen. Der Brand von 1637 ist der Höhepunkt einer Belastung, die da schon vierzehn Jahre andauert.
Quellen: Hessenkrieg — Wikipedia
- 6. Juli 1630Weitere Welt · Krieg
Gustav II. Adolf landet auf Usedom
Am 6. Juli 1630 landet der schwedische König mit 13.000 Mann bei Peenemünde auf Usedom — ein Ostseestrand, 500 Kilometer entfernt. Von hier aus wird eine Kette in Gang gesetzt, an deren Ende sieben Jahre später die Werra-Stadt in Flammen steht. Wer 1637 verstehen will, muss 1630 gesehen haben.
Quellen: Gustav II. Adolf — Wikipedia
- 22. August / 17. September 1631Weitere Welt · Krieg
Vertrag von Werben und der Sieg bei Breitenfeld
Am 22. August 1631 schließt Landgraf Wilhelm V. von Hessen-Kassel in Werben das Bündnis mit Gustav Adolf; der Schwedenkönig verspricht ihm die Stifte Fulda, Hersfeld, Paderborn und das Kloster Corvey. Wilhelm setzt alles auf eine Karte — und der Kaiser wird sich das merken, wenn er fünf Jahre später über Niederhessen und damit über Allendorf verfügt. Wenige Wochen später schlägt die schwedisch-sächsische Armee bei Breitenfeld das Heer der Liga unter Tilly, was das Bündnis kurzfristig zum besten Geschäft seines Lebens macht. Das erklärt, warum Wilhelm nicht rechtzeitig ausstieg.
Quellen: Wilhelm V. (Hessen-Kassel) — Wikipedia Gustav II. Adolf — Wikipedia
- 16. November 1632Weitere Welt · Krieg
Lützen: der Garant fällt
Gustav Adolf stirbt am 16. November 1632 bei Lützen. Hessen-Kassel bleibt mit einem Bündnis zurück, dessen Schutzmacht tot ist — und mit einem Kaiser, der nun aufholt; ab hier läuft die Uhr für Allendorf. Der Kipppunkt der ganzen Kette liegt auf einem Schlachtfeld in Sachsen.
Quellen: Gustav II. Adolf — Wikipedia
- 30. Mai 1635Weitere Welt · Politik teilweise
Prager Frieden — Wilhelms Sonderweg
Der Kaiser vereinigt 1635 in Prag eine Vielzahl deutscher Fürsten gegen die auswärtigen Mächte. Wilhelm V. lehnt zunächst ab, fordert Amnestie und Garantien und akzeptiert am 2. November 1635 — doch der Kaiser ratifiziert die ausgehandelten Bedingungen nicht, der Beitritt scheitert, und damit ist der Weg zur Reichsacht und zum Feldzug gegen Niederhessen frei. Die verbreitete Kurzform, Wilhelm habe sich schlicht geweigert, ist verkürzt.
- 19. August 1636Weitere Welt · Krieg
Reichsacht gegen Wilhelm V.
Kaiser Ferdinand II. ächtet Wilhelm V. am 19. August 1636 auf dem Regensburger Kurfürstentag; am 21. November wird Georg II. von Hessen-Darmstadt Administrator von Niederhessen — der konfessionelle Bruderzwist der hessischen Linien wird damit zum Instrument der Reichspolitik. Der Kaiser rechnet ab: Hessen-Kassel hatte sich 1631 in Werben an Gustav Adolf gebunden, und Allendorf liegt in dem Land, über das nun verfügt wird. Der Feldzug, der die Stadt treffen wird, hat hier seine rechtliche Grundlage.
Quellen: Regensburger Kurfürstentag (1636/37) — Wikipedia Wilhelm V. (Hessen-Kassel) — Wikipedia
- 27. April 1637Vor Ort · Krieg
Allendorf brennt — und verliert sein Gedächtnis
Vierzehn Jahre lang hatte die Stadt gezahlt — an Tilly, Wallenstein, Merode, Pappenheim, Besatzungskosten und Schutzbriefe. Als im April 1637 die kroatischen Regimenter Geleen und Isolani einrücken, sind die Kassen leer, und die Brandschatzungsdrohung wird vollstreckt: Allendorf brennt einschließlich Rathaus und Hochzeitshaus nahezu vollständig nieder, in St. Crucis stürzen die Rippengewölbe des Langhauses ein, 145 Zentner Glocken schmelzen, die Bibliothek der Lateinschule verbrennt. Der Brand selbst forderte offenbar keine Toten — die Pest in den Notunterkünften danach 141 im Jahr 1637 und 131 im Jahr 1638, bei sonst unter 50 Toten jährlich. Es war kein Zufall des Krieges: Allendorf war eine von 18 Städten, die kaiserliche Truppen in der Reichsexekution gegen Wilhelm V. zerstörten. Mit dem Rathaus verbrennt das städtische Archiv. Material aus der Zeit vor 1637 ist weitgehend vernichtet — und das erklärt strukturell fast alle Lücken dieser Ortsgeschichte: keine mittelalterlichen Produktionszahlen, eine Herrschaftsgeschichte, die sich nur über auswärtige Überlieferung in Fulda, Hersfeld und Marburg rekonstruieren lässt. Der Chronist des Heimatvereins schreibt selbst, für die Zeit von 1300 bis zum Ende des 15. Jahrhunderts habe er „nicht einmal annähernde Eckdaten“. Stehen blieb der steinerne Rathof, das Steinerne Haus — eines der wenigen ganz aus Stein errichteten Gebäude und bis heute das älteste der Stadt.
Quellen: Verein für Heimatkunde BSA, Stadtbrand 1637 Deutsche Biographie / ADB: Wilhelm V. von Hessen-Kassel Verein für Heimatkunde BSA, Geschichte der Saline Steinernes Haus (Bad Sooden-Allendorf) — Wikipedia
Wortlautzitate in diesem Eintrag stammen aus der genannten Literatur, nicht aus der Handschrift; sie sind nicht gegen den Volltext geprüft.
- 1636/37Weitere Welt · Krieg
18 hessische Städte
Kaiserliche Truppen zerstören in diesem Feldzug 18 hessische Städte, darunter Eschwege, Grebenstein und Hessisch Lichtenau; Isolani und Geleen führen kroatische Regimenter. Der Brand von Allendorf ist damit kein Einzelfall und vor allem kein gezielter Schlag gegen die Saline — die Stadt traf es als eine von achtzehn und wegen unbezahlten Schutzgelds. Die große Kette erklärt den Rahmen, nicht den Einzelakt.
Der Feldzug lief von 1636 bis 1637. Eingeordnet auf 1637, das Jahr der Zerstörung Allendorfs.
Quellen: Johann Ludwig Hektor von Isolani — Wikipedia Brandschatzung — Wikipedia
- 21. September 1637Weitere Welt · Krieg
Wilhelm V. stirbt im Exil
Fünf Monate nach dem Brand stirbt Wilhelm V. am 21. September 1637 im Feldlager in Ostfriesland; seine Witwe Amalie Elisabeth lehnt am 23. Januar 1638 den Marburger Vertragsentwurf ab, weil er die Anerkennung des Prager Friedens vorausgesetzt hätte. Während der Krieg also weiterläuft, beginnt in Allendorf der Wiederaufbau — 1638 entsteht ein weiteres Gradierwerk, 1639 bis 1642 die Fachwerkstadt, die heute steht. Der Fürst, dessen Politik die Katastrophe auslöste, erlebt den Wiederaufbau nicht.
Quellen: Amalie Elisabeth von Hanau-Münzenberg — Wikipedia Wilhelm V. (Hessen-Kassel) — Wikipedia
- 24. April 1637Weitere Welt · Krieg
Ferdinand III. erneuert die Acht
Drei Tage vor dem Brand erneuert der neue Kaiser die Reichsacht und bestätigt die Administration Niederhessens durch Hessen-Darmstadt. Am 27. April 1637 brennt Allendorf — näher kann eine reichspolitische Entscheidung an ein lokales Ereignis nicht heranrücken. Der Feldzug hatte im Juli 1636 unter General Götz begonnen; die systematische Verwüstung läuft von Frühjahr bis Oktober 1637.
Quellen: Hessenkrieg — Wikipedia
- 1638Vor Ort · Salz
Gradierwerk 5 — ein Jahr nach dem Brand
Während die Stadt noch in Kellern haust, entsteht drüben in Sooden ein neues Gradierwerk: die Nummer 5, das einzige der einst bis zu 22 durchnummerierten Werke, das die Zeit überdauert hat. Dass es ein Jahr vor dem Beginn des städtischen Wiederaufbaus errichtet wurde, ist das stärkste Argument dafür, dass die Saline den Krieg im Kern überstand — verbrannt war vor allem das hölzerne Torgebäude. Heute misst die Anlage 140 Meter Länge und 12 Meter Höhe; sie wurde 1999 bis 2003 vollständig rekonstruiert, sie steht also nicht seit 1638, sondern geht auf 1638 zurück.
Quellen: Verein für Heimatkunde BSA, Saline Teil II Verein für Heimatkunde BSA, Gradierwerk-Hintergrund Stadt Bad Sooden-Allendorf, Geschichte
- 1639–1642Vor Ort · Stadt
Die Fachwerkstadt entsteht
Zuerst wurde debattiert, ob ein Wiederaufbau überhaupt lohne; 1639 gibt der Rat Bauholz frei. Weil dann in wenigen Jahren und in einem Zug gebaut wird, entsteht ein außergewöhnlich geschlossenes Ensemble: das Bürgersche Haus 1639, das Söder-Tor-Haus des Tuchhändlers Jakob Oderwaldt im selben Jahr, das Eschstruth-Haus um 1640 bis 1642, die Eckhäuser mit dem „Wilden Mann“. Der Brand ermöglichte sogar eine Neuparzellierung — einige Straßen wurden parallel geplant. Was heute als malerische Altstadt gilt, ist Nachkriegsarchitektur des 17. Jahrhunderts, bezahlt aus Salz. Die Bevölkerung brauchte länger: von 460 Hausgesessen 1575/85 fiel sie auf 300 im Jahr 1681, und erst 1789 zählte man wieder 495 Wohnhäuser.
Quellen: Deutsche Fachwerkstraße: Bad Sooden-Allendorf Verein für Heimatkunde BSA, Stadtrundgang LAGIS, Historisches Ortslexikon: Allendorf
Zur Datierung der Salzbibel selbst
Die Zeitschiene setzt das Werk auf 1567/68 bis 1585 mit Reinschrift 1586. Das ist eine Vereinfachung, und die Handschrift selbst widerspricht sich: Der Zettel auf Blatt 1 des dritten Bandes sagt 1568 angefangen, 1574 fertig; der Auftrag datiert vom 24. Februar 1567; die jüngste Urkunde im Werk stammt vom 3. Mai 1586; Rhenanus starb am 29. April 1589. Am ehesten trifft alles zu: 1574 war die Sammlung abgeschlossen, danach wurde ins Reine geschrieben und weiter nachgetragen. Wer eine Jahresangabe braucht, fährt am besten mit „1567–1586, fortgeschrieben“ — so steht es auf der Seite Editionsgrundsätze.
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