Forschung
Chronologie
Der Ort und die Welt, Jahr für Jahr nebeneinander
Zwei Zeitschienen
Die linke Spalte gehört dem Ort: 72 datierte Ereignisse von der Salzschlacht des Tacitus bis zum Ortsschild von 2026, mit Belegstatus und Quellen. Die rechte gehört der weiteren Welt: 69 Ereignisse der Salz-, Rechts-, Landes- und Kurgeschichte, die den Ort einordnen — Hallstatt, die Ronkalischen Gesetze, die Holzkrise des 16. Jahrhunderts, Staßfurt, Solvay, die Salzsteuer. Beide Reihen sind nach Jahren ineinander sortiert; wer nur eine sehen will, schaltet um. Nicht jedes Ereignis rechts hat einen Bezug nach links; wo einer besteht, sagt der Text ihn, und er sagt auch, wenn die Parallele nur eine Analogie ist.
Die Ereignisse der Salzbibel selbst — 1300, 1489, 1538, 1540, 1550, 1567, 1586 — stehen in der linken Spalte; ihre Quelle ist dort das Faksimile. Für alles andere gelten die genannten Quellen, und der Belegstatus (belegt, überliefert, umstritten, assoziativ) sagt, wie weit man ihnen trauen sollte.
Die Zeitschiene
Auf breiten Bildschirmen stehen die Ereignisse des Ortes links, die der weiteren Welt rechts; auf schmalen untereinander. Die Filter grenzen nach Ebene, Jahrhundert, Zeitraum und Stichwort ein; die Liste wird seitenweise gezeigt.
- 1952 und 1961Weitere Welt · Grenze
Die Verordnungen hinter den Aussiedlungen
Grundlage der ersten Welle ist die Verordnung vom 26. Mai 1952 über Maßnahmen an der Demarkationslinie, der zweiten die Aufenthaltsbeschränkungs-Verordnung vom 24. August 1961. Was vor der Haustür von Bad Sooden-Allendorf geschieht, ist also kein Übergriff einzelner Grenzer, sondern verwaltetes Recht. Die Linie, die 1945 wegen eines Bahngleises gezogen wurde, wird damit zur Deportationsgrenze.
Quellen: Aktion Ungeziefer — Wikipedia Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze
- 29. März 1982Vor Ort · Grenze
Heinz-Josef Große am Schifflersgrund
Der 34-jährige Baggerfahrer versucht, mit einem Radlader den Grenzzaun zwei Kilometer nordöstlich von Bad Sooden-Allendorf zu durchbrechen, und wird von DDR-Grenzsoldaten erschossen. Die beiden Schützen erhielten 1996 Bewährungsstrafen nach Jugendstrafrecht. Der Radlader steht heute im Grenzmuseum, das auf demselben Gelände entstand.
Quellen: Schifflersgrund — dewiki Grenzmuseum Schifflersgrund — dewiki
- 18./19. November 1989Vor Ort · Grenze
Der Übergang nach Wahlhausen öffnet
Neun Tage nach dem Mauerfall öffnet der Grenzübergang Bad Sooden-Allendorf–Wahlhausen; ein Pendelbus fährt nach Lindewerra. Im Kreis war Herleshausen/Wartha am 10. November um zwei Uhr früh der erste Übergang gewesen, am 11. November staute es sich dort dreißig Kilometer weit. Die Quellen nennen für den Soodener Übergang den 18. oder den 19. November — welcher stimmt, ist nicht geklärt. Am 7. Januar 1990 reichte eine Menschenkette „Hände über Grenzen“ von Witzenhausen bis Heiligenstadt.
Quellen: Werra-Rundschau, Chronologie der Grenzöffnungen werleshausen.de, Grenzöffnung 1989/1990
- 9. November 1989Weitere Welt · Grenze
Der Mauerfall
Am Abend des 9. November 1989 öffnen sich die Berliner Grenzübergänge. Neun Tage später wird bei Bad Sooden-Allendorf ein Grenzübergang geöffnet — die Weltgeschichte kommt hier mit neun Tagen Verspätung an, und dann sehr konkret. Die Grenze, die 1945 an einem Verhandlungstisch in Wanfried entstand, hört an derselben Stelle auf zu wirken.
Quellen: Grenzöffnung bei Werleshausen
- 3. Oktober 1991Vor Ort · Grenze
Das Grenzmuseum Schifflersgrund eröffnet
Auf dem ehemaligen Todesstreifen bei Asbach-Sickenberg eröffnet das erste Grenzmuseum an der einstigen innerdeutschen Grenze; Träger ist der Arbeitskreis Grenzinformation e.V. mit Sitz in Bad Sooden-Allendorf, Initiator Wolfgang Ruske. Auf rund 30.000 Quadratmetern stehen originaler Metallgitterzaun, der Beobachtungsturm BT-9, Bunker, fünf Hubschrauber und etwa zwanzig Grenzsicherungsfahrzeuge beider Seiten. Etwa 45.000 Menschen kommen jährlich. 2022 entstand ein neues Verwaltungsgebäude, am 9. November 2024 öffnete eine neu kuratierte Dauerausstellung.
Quellen: Grenzmuseum Schifflersgrund — dewiki Grenzmuseum Schifflersgrund (offiziell) HLZ Hessen, Grenzgedenkstätte Schifflersgrund
- 1. Januar 1993Weitere Welt · Salz
Salzsteuer und Wieliczka enden im selben Jahr
Zum 1. Januar 1993 wird die deutsche Salzsteuer endgültig abgeschafft, zuletzt 12 DM je 100 Kilogramm bei einem Aufkommen von 53 Millionen DM im Jahr 1991; im selben Jahr stellt Wieliczka nach 700 Jahren die Salzförderung ein und lebt seither vom Tourismus. Das Salzregal, das 1158 begann und 1300 in Allendorf festgeschrieben wurde, ist damit erloschen — und der größte Salzort Europas macht genau das, was Bad Sooden-Allendorf 1881 vorgemacht hat: Er wird Besuchsort. Wieliczka ist seit 1978 UNESCO-Welterbe.
Quellen: Salzsteuer — Wikipedia Salzbergwerk Wieliczka — Wikipedia
- 1996/97Vor Ort · Kur
Die Kur bricht ein
Mit den Gesundheitsreformen der 1990er Jahre — Beitragsentlastungsgesetz 1996, zweites GKV-Neuordnungsgesetz 1997 — bricht die Zahl der Kuren ein: kürzere Kurdauer, längere Wiederholungsintervalle, höhere Zuzahlungen. Der Einbruch traf praktisch alle deutschen Heilbäder, und er traf eine Stadt, die genau 115 Jahre zuvor ihr Salzwerk gegen ein Bad getauscht hatte. Die Zahlen sprechen für sich: 1990 hatte die Stadt mit 10.383 Einwohnern ihren historischen Höchststand erreicht, Ende 2024 waren es 8.141 — ein Minus von 21,6 Prozent.
Quellen: Bad Sooden-Allendorf — dewiki staedtedaten.de, Bad Sooden-Allendorf
- 1996/1997Weitere Welt · Kur
Die Gesundheitsreform und das Ende der Kur, wie sie war
Die Spargesetze von 1996, unter anderem das Wachstums- und Beschäftigungsförderungsgesetz und das Beitragsentlastungsgesetz, schlagen sofort durch: Im ersten Halbjahr 1997 zählen Heilbäder und Kurorte sechs Millionen Übernachtungen weniger, die Kassen geben 40 Prozent weniger für stationäre und fast 45 Prozent weniger für ambulante Kuren aus, die Kurtaxeneinnahmen sinken um 28 Prozent. Wer 113 Jahre lang von einer Sozialleistung gelebt hat, hängt an einem Gesetzestext, nicht an seiner Quelle — Bad Sooden-Allendorf verliert in einem Halbjahr, was es in einem Jahrhundert aufgebaut hatte. Bis zu 50.000 Arbeitsplätze sind bundesweit betroffen.
Quellen: Deutscher Bädertag 1997: Unberührte Betten — Deutsches Ärzteblatt WFG, BGBl. I 1996 S. 1461
- 17. Juli 1999Vor Ort · Grenze
Die Brücke nach Lindewerra, 54 Jahre später
Die 1945 zerstörte Werrabrücke zwischen Lindewerra in Thüringen und dem Stadtteil Oberrieden wird wieder eröffnet; der Wiederaufbau wurde bundesweit im Fernsehen übertragen. „54 Jahre und einige Wochen musste es dauern“, schreibt der Heimatverein. Die Grenze hatte hier nicht nur Wege zerschnitten, sondern auch ein Handwerk verschoben: Die Lindewerraer Stockmacherei, seit etwa 1830 weltweit gehandelt, erlebte mit den ausgegrenzten Einwohnern im hessischen Oberrieden eine neue Blüte.
Quellen: Verein für Heimatkunde BSA, Lindewerra Lindewerra — dewiki
Wortlautzitate in diesem Eintrag stammen aus der genannten Literatur, nicht aus der Handschrift; sie sind nicht gegen den Volltext geprüft.
- 2005Vor Ort · Kur
Die WerratalTherme eröffnet
Nach der vollständigen Rekonstruktion des Gradierwerks Anfang der 2000er Jahre öffnet die WerratalTherme mit rund 1.000 Quadratmetern Wasserfläche, 32 Grad warmem Solewasser, Wellenbecken und einer Saunalandschaft, in die ein historisches Gradierwerk integriert ist. 2007 kommt das Kulturzentrum dazu. Es ist die dritte Antwort der Stadt auf dieselbe Quelle: erst Salz, dann Kur, jetzt Freizeit. Heute halten fünf Rehakliniken und eine onkologische Einrichtung rund 2.500 Betten vor.
Quellen: WerratalTherme Stadt Bad Sooden-Allendorf, Geschichte kurkliniken.de, Bad Sooden-Allendorf
- 2018Vor Ort · Stadt
800 Jahre — gefeiert nach einer Kirchenurkunde
Die Stadt feiert 800 Jahre Stadtrechte und bezieht sich dabei auf das Jahr 1218. Historisch trägt das nicht: Die Urkunde von 1218 ist eine Kirchenschenkung, der erste Beleg des Stadtstatus ist das Stadtsiegel von 1252. Das Jubiläum brachte trotzdem etwas Bleibendes hervor — eine Chronik, in der Stadtarchivarin Antje Laumann-Kleineberg unter anderem die NS-Vergangenheit des Festspielautors Johannes Rädlein aufarbeitete.
Quellen: Stadt Bad Sooden-Allendorf, 800 Jahre 2018 BSA-Kurier, Chronik zum 800-jährigen Jubiläum LAGIS, Historisches Ortslexikon: Allendorf
- 17. Dezember 2019Vor Ort · Kultur
Der Johannes-Rädlein-Weg wird umbenannt
Die Stadtverordnetenversammlung beschließt einstimmig, den nach dem Verfasser des Festspiels „Bund der Eintracht“ benannten Weg umzubenennen. Grundlage war der Beitrag der Stadtarchivarin in der Jubiläumschronik 2018, der Rädlein als aktiven Unterstützer des Nationalsozialismus einordnete — Veröffentlichungen in Theodor Fritschs Hammer-Verlag, Mitarbeit an der NSDAP-Vorfeldorganisation Heimatwerk Sachsen, ein Titel auf der Liste der auszusondernden Literatur. Der Text von 1931 selbst trägt keine NS-Signatur: Vom Kernvokabular kommt nichts vor, und der Konflikt wird am Ende juristisch und persönlich beigelegt, nicht in Gemeinschaft aufgelöst. Die anschließende Kontroverse betraf das Verfahren, nicht den Befund.
- 13. November 2021Vor Ort · Person
Ein Stolperstein für Rudolph Bodenheim
Vor seiner ehemaligen Villa wird ein Stolperstein verlegt — für den Mann, dessen Familie der Stadt die erste Tütenfabrik der Welt gab und der 1943 in Theresienstadt starb. Zwei Jahre später erscheint in der Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte die Studie „Die Bodenheims“, die vier Generationen verfolgt: das Erstarken jüdischen Wirtschaftslebens nach der Emanzipation und seine Vernichtung. Ob inzwischen weitere Stolpersteine in der Stadt liegen, ist nicht dokumentiert.
- Ende 2021Vor Ort · Wirtschaft
Das Salz der anderen
K+S beendet zum Jahresende die Versenkung von Salzlauge in den Plattendolomit; am 23. Dezember erteilt das Regierungspräsidium Kassel eine Einleiterlaubnis bis Ende 2027, mit höchstens fünf Millionen Kubikmetern Salzabwasser jährlich und einem Chloridgrenzwert am Pegel Gerstungen, der bis 2024 auf 1.700 Milligramm pro Liter sinkt. In den 1970er und 1980er Jahren waren es 40 Gramm pro Liter gewesen. Wo die Werra natürlicherweise 60 bis 100 Wirbellosenarten trug, waren es auf dem Höhepunkt drei. Die Stadt, die tausend Jahre vom Salz lebte, leidet heute am Salz der Nachbarn flussaufwärts.
Quellen: K+S, Werk Werra — Umwelt K+S, Behörde erteilt Einleiterlaubnis bis Ende 2027 BUND Hessen, Werraversalzung
- 2021Weitere Welt · Kur
Great Spa Towns of Europe
2021 nimmt die UNESCO elf Kurstädte ins Welterbe auf: Baden-Baden, Bad Kissingen, Bad Ems, Karlsbad, Franzensbad, Marienbad, Bath, Vichy, Spa, Montecatini und Baden bei Wien; Begründung ist das außergewöhnliche Zeugnis des europäischen Kurphänomens von etwa 1700 bis in die 1930er Jahre. Die Kurkultur, in die Bad Sooden-Allendorf 1881 einstieg, ist damit offiziell Erbe geworden. Was das für einen Ort bedeutet, der noch immer davon lebt, ist eine offene Frage.
Quellen: Bedeutende Kurstädte Europas — Deutsche UNESCO-Kommission
- 15. Juni 2026Vor Ort · Kur
„Heilbad“ darf aufs Ortsschild
In Bad Homburg übergibt Innenminister Roman Poseck die Urkunden an 16 Kommunen, die ihr Kurprädikat künftig als amtlichen Namenszusatz führen dürfen; Bad Sooden-Allendorf gehört zu den sieben Heilbädern. Rechtsgrundlage ist das Kommunale Flexibilisierungsgesetz vom 5. Februar 2026, das § 13 Abs. 2 der Hessischen Gemeindeordnung änderte. Der Ortsname selbst bleibt unverändert — das „Bad“ fällt nicht weg, und „Heilbad Sooden-Allendorf“ ist eine Verwechslung. Kurdirektor Jens Lüdecke: „Es lebt sich einfach besser in einem Ort, der sich als Heilbad bezeichnen darf.“ Das Prädikat kann jetzt auch wieder entzogen werden.
Quellen: hessenschau.de, 15.06.2026 Hessisches Innenministerium, Namenszusätze (24.02.2026) Wetterauer Zeitung, 24.06.2026
Wortlautzitate in diesem Eintrag stammen aus der genannten Literatur, nicht aus der Handschrift; sie sind nicht gegen den Volltext geprüft.
Zur Datierung der Salzbibel selbst
Die Zeitschiene setzt das Werk auf 1567/68 bis 1585 mit Reinschrift 1586. Das ist eine Vereinfachung, und die Handschrift selbst widerspricht sich: Der Zettel auf Blatt 1 des dritten Bandes sagt 1568 angefangen, 1574 fertig; der Auftrag datiert vom 24. Februar 1567; die jüngste Urkunde im Werk stammt vom 3. Mai 1586; Rhenanus starb am 29. April 1589. Am ehesten trifft alles zu: 1574 war die Sammlung abgeschlossen, danach wurde ins Reine geschrieben und weiter nachgetragen. Wer eine Jahresangabe braucht, fährt am besten mit „1567–1586, fortgeschrieben“ — so steht es auf der Seite Editionsgrundsätze.
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