Forschung
Begriffe und Fachsprache
Die Wörter der Saline, des Rechts und des Ortes
Zwei Wortschätze
Dieses Glossar sammelt 125 Begriffe, die beim Lesen der Salzbibel und beim Umgang mit der Geschichte des Ortes immer wieder vorkommen — aus der Salinentechnik, dem Salzhandel und Salzrecht, der Stadtverfassung, der Kirche, der Geologie, dem Kurwesen und der Grenzgeschichte des 20. Jahrhunderts. Zu jedem Begriff steht eine Kurzdefinition; die ausführliche Fassung lässt sich aufklappen. Vier Einträge sind als unsicher gekennzeichnet, weil sich ihre Definition nicht belastbar sichern ließ.
Das Glossar ist nicht das Wörterbuch der Salzbibel selbst. Das hat der Holzvogt Hans Wagener geschrieben, es steht im ersten Anhang (Bd. 2, S. 473–582) und erklärt die Wörter so, wie sie um 1580 in Sooden gebraucht wurden — mit Preis und Stückzahl. Wo beide Wortschätze sich berühren, ist bei dem Begriff vermerkt, was die Salzbibel selbst sagt; und am Ende dieser Seite stehen die Wörter, die es nur dort gibt.
Das Glossar
Die Buchstabenleiste grenzt die Liste ein, statt zu springen; mehrere Buchstaben lassen sich zugleich wählen. Jeder Begriff hat eine eigene Adresse.
Amtmann
Personen & ÄmterAuch: Amtmann, Ambtmann, Vogt, advocatus
Leiter eines landesherrlichen Amts — Verwalter, Richter und Steuereinnehmer in einer Person.
Ausführlich
Der Amtmann ist der verlängerte Arm des Landesherrn im Bezirk: Er übt niedere Gerichtsbarkeit aus, treibt Abgaben ein, verwaltet landesherrliche Güter, organisiert Musterungen und meldet nach oben. Bis in die Frühe Neuzeit war das Amt häufig adligen Familien vorbehalten und teils verpfändet; erst mit dem Aufkommen studierter Beamter wandelte es sich zum Berufsamt. Der Amtmann ist damit eine Schlüsselfigur beim Übergang von Personenverbands- zu Behördenherrschaft.
Siehe auch: Amt, Rentmeister, Schultheiß, Landgraf
Quelle: www.lagis-hessen.de
Bergmeister
Personen & ÄmterAuch: Bergmeister, Bergvogt, Berghauptmann (übergeordnet)
Leitender Bergbeamter eines Bergreviers — zuständig für Aufsicht, Vermessung, Verleihung und Bergrecht.
Ausführlich
Der Bergmeister vertritt das Bergregal vor Ort: Er verleiht Gruben, vermisst Felder, überwacht Sicherheit und Abgaben und spricht in Bergsachen Recht. Da Salinen rechtlich dem Bergwesen zugeordnet waren, ist die Bergverwaltung auch für Salzwerke zuständig. Die hessische Bergbehörde ist eine der ältesten Deutschlands — und ihr Ausgangspunkt liegt in Sooden.
Siehe auch: Bergordnung, Salzregal, Salzgraf, Salinist
Quelle: gradierwerk.heimatkunde-bsa.de
Johannes Rhenanus
Personen & ÄmterAuch: Johannes Rhenanus, Johann Rhenanus, Rhenanus, Werk: „New Saltzbuch“, „Salzbibel“
Pfarrer und Salzgraf in Sooden (†1589), Verfasser der „Salzbibel“ und Pionier der Kohlefeuerung.
Ausführlich
Rhenanus wurde 1555 Pfarrer in Sooden und übernahm zugleich Salinenaufgaben, ab 1559/1563 als Salzgraf. Im Auftrag Landgraf Wilhelms IV. bereiste er 1568 mitteldeutsche Salinen und verfasste zwischen 1567 und 1585 das „New Saltzbuch“ — rund 2.000 Seiten, Reinschrift 1586, die erste umfassende Darstellung der Salinentechnik, zwei Jahrzehnte vor dem ersten gedruckten Salinenbuch. Als Holz knapp wurde, experimentierte er mit Lütticher Steinkohle und erschloss die Braunkohle am Hohen Meißner. In seiner Amtszeit stieg die Produktion auf über 2.000 Tonnen jährlich. Zu korrigieren: Ein Gradierwerk hat er in Allendorf nicht gebaut — die Gradierung kam erst nach seinem Tod. Die Kasseler Reinschrift (2° Ms. Hass. 186) ist seit einigen Jahren vollständig digitalisiert und im Repositorium ORKA der Universitätsbibliothek Kassel gemeinfrei einsehbar; ediert ist bis heute allein das Reisebuch.
Siehe auch: Salzgraf, Leckwerk, Allendorfer Windofen, Salinist, Pfarrherr
Quelle: www.deutsche-biographie.de
Rentmeister
Personen & ÄmterAuch: Rentmeister, Rentschreiber, Kellner, Kastner
Finanzbeamter eines Amts oder Betriebs — er zieht Einkünfte ein, führt Rechnung und legt Rechenschaft ab.
Ausführlich
„Rente“ meint hier laufende Einkünfte, nicht Altersversorgung: Zinsen, Pachten, Zehnte, Gefälle. Der Rentmeister erhebt sie, verwaltet die Kasse und legt jährlich Rechnung — Dokumente, die für die Wirtschaftsgeschichte oft die einzige verlässliche Zahlenquelle sind. In Salinen ist er die Gegenfigur zum technischen Personal: Er rechnet, was die anderen produzieren.
In der Salzbibel: Siehe Ämter und Dienste. Bd. 1, S. 801
Siehe auch: Amtmann, Amt, Salzgraf, Deputat
Quelle: www.lagis-hessen.de
Salinist
Personen & ÄmterAuch: Salinist, Salineninspektor, Salinenbaumeister
Fachmann für Salinentechnik und Salinenbetrieb — ab dem 18. Jahrhundert eine eigene Ingenieurdisziplin.
Ausführlich
Mit der Aufklärung professionalisierte sich das Salinenwesen: Salinisten wurden an Bergakademien ausgebildet, publizierten Fachbücher, reisten zu Vergleichsinspektionen und optimierten Gradierbauten, Feuerungen und Pumpen nach messbaren Kriterien. Der Begriff bezeichnet damit eine Berufsrolle, keine Amtsstellung. Rückblickend erscheinen frühere Praktiker wie Rhenanus als Vorläufer — inspizieren, dokumentieren, vergleichen, verbessern ist genau das Programm.
Siehe auch: Salzmeister, Salzgraf, Bergmeister, Kunstgezeug
Quelle: www.bergbaumuseum.de
Salzgraf
Personen & ÄmterAuch: Salzgräve, Salzgrebe, Salzgrafe, comes salinarum
Leitender Beamter eines Salzwerks — zuständig für Aufsicht, Abrechnung, Personal und Technik.
Ausführlich
Der Salzgraf ist der landesherrliche Betriebsleiter der Saline: Er beaufsichtigt die Produktion, prüft Maße und Mengen, führt die Rechnung, hat Disziplinargewalt über die Salinenbediensteten und vertritt den Betrieb gegenüber Hof und Pfännerschaft. Das Amt verbindet Verwaltung, Justiz und Technik in einer Person und war entsprechend angesehen. Die Titelform schwankt regional erheblich — Salzgraf, Salzgräve, Salzgrebe —, gemeint ist dieselbe Funktion.
In der Salzbibel: Siehe die Seite Ämter und Dienste. Bd. 1, S. 793; Bd. 2, S. 475
Siehe auch: Salzmeister, Siedemeister, Bergordnung, Pfarrherr
Quelle: www.deutsche-biographie.de
Salzknecht
Personen & ÄmterAuch: Salzknecht, Sieder, Sülzknecht
Ungelernter oder angelernter Arbeiter in der Siedekote — zuständig für Feuer, Sole, Schöpfen und Tragen.
Ausführlich
Der Salzknecht macht die körperliche Arbeit: Kohle und Holz schleppen, Feuer schüren, Sole nachfüllen, das nasse Salz aus der Pfanne ziehen und in die Trockenkammer bringen. Die Arbeit fand in Hitze, Dampf und salzgeschwängerter Luft statt. In einer Stadt von rund 2.000 Einwohnern arbeiteten zeitweise knapp 1.000 Menschen in der Saline — die Salzknechte stellten davon die Mehrheit. Sozial standen sie deutlich unter den Pfännern, die in Allendorf wohnten.
In der Salzbibel: „Affterknecht. Sein die Saltzknecht, so nicht Bodt vnnd Meisterschafft habenn“ — so die Handschrift; die Übersetzung: Afterknechte sind die Salzknechte, die kein Siedehaus und keine Meisterschaft haben. Bd. 2, S. 476, 562
Siehe auch: Siedemeister, Salzsieden, Pfänner
Quelle: gradierwerk.heimatkunde-bsa.de
Salzmeister
Personen & ÄmterAuch: Salzmeister, Sudmeister, Salinenmeister
Fachlicher Leiter des Siedebetriebs, unterhalb des Salzgrafen und oberhalb der Siedemeister.
Ausführlich
Der Salzmeister verantwortet den technischen Ablauf: Pfannenbelegung, Brennstoffeinsatz, Solezuteilung, Qualität und Ausbeute. Er ist die Schnittstelle zwischen der kaufmännisch-obrigkeitlichen Ebene und den Sieder-Mannschaften. Die Abgrenzung zum Salzgrafen ist regional unscharf; in kleineren Salinen fielen beide Rollen zusammen. Wer historische Titel liest, sollte deshalb immer die Aufgabenbeschreibung prüfen und nicht allein den Titel.
In der Salzbibel: Für Jost Becker kennt die Salzbibel den Titel nicht; er nennt sich selbst „Jost Berker von Homberg, zurzeit Ihrer fürstlichen Gnaden mitverordneter Salzgraf daselbst zu Sooden vor Allendorf an der Werra“. Ein „Salzmeister zu Darmstadt“ begegnet 1568 als Bezeichnung des dortigen Salzfaktors. Bd. 2, S. 104; Bd. 3, S. 23
Siehe auch: Salzgraf, Siedemeister, Salinist
Quelle: gradierwerk.heimatkunde-bsa.de
Schultheiß
Personen & ÄmterAuch: Schultheiß, Schulze, Scholtes, scultetus
Vorsitzender des Stadt- oder Dorfgerichts, ursprünglich vom Herrn eingesetzt — Vorläufer des Bürgermeisters.
Ausführlich
Der Schultheiß („der das Schuldige heischt“) ist das Bindeglied zwischen Herrschaft und Gemeinde: Er beruft das Gericht ein, leitet die Verhandlung und vollstreckt Urteile, während die Schöffen das Urteil finden. Mit wachsender städtischer Autonomie verschob sich sein Amt vom herrschaftlichen Beauftragten zum gemeindlichen Repräsentanten. Neben ihm entwickelte sich der Rat als eigenständiges Selbstverwaltungsorgan.
Siehe auch: Stadtsiegel, Stadtrecht, Amtmann
Quelle: www.lagis-hessen.de
Wortlautzitate in diesem Eintrag stammen aus der genannten Literatur, nicht aus der Handschrift; sie sind nicht gegen den Volltext geprüft.
Siedemeister
Personen & ÄmterAuch: Siedemeister, Sudmeister, Sülzmeister (anderswo)
Fachmann, der einen Siedegang leitet — er entscheidet über Feuer, Zulauf und den Zeitpunkt des Ausziehens.
Ausführlich
Der Siedemeister ist kein Verwalter, sondern ein Handwerker mit Erfahrungswissen: Er beurteilt am Aussehen der Salzhaut, wann die Kristallisation richtig läuft, hält die Temperatur, regelt den Solezulauf und lässt rechtzeitig ausziehen. Ein zu heißes Feuer liefert feines, bitteres Salz, ein zu kaltes gar keines. Ihm zur Seite standen Salzknechte für die schwere körperliche Arbeit. Der Beruf war qualifiziert, hart und gesundheitlich ruinös.
Siehe auch: Salzknecht, Salzsieden, Salzmeister, Salzgraf
Quelle: gradierwerk.heimatkunde-bsa.de
Wörter, die die Salzbibel selbst erklärt
Das Glossar des Holzvogts erklärt Wörter, die kein heutiges Wörterbuch kennt, und es erklärt sie durch den Betrieb: Was ein Ding kostet, wie viele davon in ein Siedehaus gehören, wer es liefern muss. Eine Auswahl — der Wortlaut ist der der Übersetzung, jede Stelle führt auf das Faksimile. Die technischen Zusammenhänge stehen auf der Seite Technik und Verfahren.
- Beiße
- „Das ist die Masse, die jeden Samstag aus dem Gesöde geholt wird; man zerschlägt sie und lässt sie in der Sole wieder zergehen, und dadurch wird die Sole zum Sieden gestärkt und verbessert.“ Bd. 2, S. 479, 509, 517
- Blut
- „Ist Rinderblut; es wird zum Bestreichen der Nähte an den Pfannen und zum Einbrennen derselben gebraucht“ — ein halbes Achtel Salz im Jahr wert. Bd. 2, S. 480, 503, 564
- Bothe, Kothe
- Das Siedehaus; 87 im Salzwerk, 43 des Landgrafen, 44 der Pfänner; „In jedem können in der Woche“ „2 Pfannen Salz gesotten werden.“ Bd. 2, S. 518, 519, 521
- Fegen
- „Immer wenn in einer Pfanne 5 oder 6 Werk gesotten worden sind, hängen sich die Scheiben hart und dick an die Pfanne; deshalb muss sie der Meister ausfegen.“ Bd. 2, S. 504, 553
- Gans, Herrengänse
- Die Schaufel voll Salz, die aus der Pfanne gehoben wird; „Ungefähr 24 Gänse gehen auf ein Achtel; das macht auf eine Pfanne — 192 Gänse. Eine hält am Gewicht ungefähr 5 oder 6 Pfund.“ Herrengänse sind die zwei Gänse je Werk, die der Sieder als Abgabe gibt. Bd. 2, S. 503, 505, 515
- Jahreswerk
- „Ist der Sand und die Schalen, die beim Sieden als Unreinigkeit in der Pfanne anfallen.“ Bd. 2, S. 517, 551
- Kaltlager, Kaltliegen
- „Heißt es, wenn man ablöscht und nicht siedet.“ Bd. 2, S. 523
- Salzleger
- Die vier Siedepausen im Jahr, acht Tage lang, in denen gebaut und die Ordnung verlesen wird (Bd. 1, S. 1025 ff.). Bd. 1, S. 1025
- Setzen, Zulassen, Zulegen
- „Setzen. So heißt es, wenn die Sole gar gesotten ist und in Ruhe steht, bis sie sich zu Salz gesetzt hat.“ „Zulassen. Heißt es, wenn man gesotten hat und die Sole gar ist, so dass man kein Feuer mehr darunter schürt und das Pfannentuch über die Pfanne zieht.“ „Zulegen. Heißt es, wenn die Sole gesetzt und zu Salz geworden ist, so dass man anfängt, sie aus der Pfanne an den Gänsen zu fangen.“ Bd. 2, S. 555, 577
- Schlotter
- „Wird anfänglich aus den Kohlen und der Asche gemacht und durch die zerschmolzene Beiße gebunden; daraus macht man die Wände am Gesöde.“ Bd. 2, S. 554
- Stollen
- „Ist der Bau um den Salzbrunnen, in dem das wilde Wasser von der Sole geschieden und abgeleitet wird.“ Bd. 2, S. 561, 562
- Werk
- „Werk. Ist eine Pfanne Salz, nämlich — 8 Achtel.“ Bd. 2, S. 568
- Wildes Wasser
- „Ist das Süßwasser, das neben und um den Salzbrunnen anfällt und quillt“; es wird gesondert ausgeschöpft und „durch die Abzucht in den Solgraben gelassen“. Bd. 2, S. 567, 568
- Winnung
- Die Abgabe des Sieders je Pfanne Salz: „Jeder Sieder gibt von jeder Pfanne — 3 Gulden 10 Albus.“ Bd. 1, S. 899; Bd. 2, S. 567
- Zeichen
- Hölzerne Marken, mit denen Holz, Kohle und Salz durch die Kontrolle liefen: „1. Flößzeichen, 2. Flößklafterzeichen, 4. Gegenzeichen, 5. Fuhrzeichen, 6. Eselhaufenzeichen, 7. Waldlegerzeichen“ — die Ziffer 3 fehlt in der Aufzählung. Bd. 2, S. 501, 578
- Zündsole
- Rohe Sole, die bei der Restglut nach dem Ausbringen des Salzes vorgesotten wird, „weil sich durch diese Verbesserung die andere Sole desto eher zu Salz entzündet, und auch damit das übrige Feuer nicht vergeblich ausgeht“. Bd. 2, S. 578
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